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TAGEBUCH 2020
                                                                                             
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06. Januar 2020 Vergangene Nacht kam es nach der leichten Zwischenerwärmung zum Jahresanfang wieder mal zu einem leichten Frost. Er erreichte allerdings nicht den bisherigen Tiefstwert dieses Winters vom 5. Dezember, als es -3,6 Grad gab, was zu leichten Verbräunungen bei den französischen Sorten führte. Bislang habe ich lediglich den Granatapfel eingepackt, kurz vor Weihnachten. Die weiteren Prognosen sind noch unklar, aber es könnte bei einem sehr milden Winterverlauf bleiben. Bis Mitte Januar sind lediglich leichte Fröste zu erwarten.

Die Oliven stehen alle gut da. An den französischen Sorte gibt es die Verbräunungen vom Dezemberfrost, ansonsten fällt negativ leider nur noch ein überlebender Leccino von 2008 durch extrem vergilbte Blätter auf. Er hat aber schon immer eher gekränkelt, letztes Jahr schien er sich in der Hitze zu erholen, er hat auch einige Neuaustriebe hinbekommen: doch jetzt diese extreme Chlorose, als einziger, woher??

14. Januar 2020 Auch wenn manche Wetterkanäle gerne einen Wintereinbruch zum Monatsende vorhersehen möchten: Ernsthafter Frost in Richtung -5 Grad ist weiterhin nicht zu erwarten. Ab 23. könnte es allerdings mal wieder in Richtung -3 Grad gehen. Hoffentlich kommen die Oliven damit zurecht, dass es zwar nur gelegentlich, dies aber immer wieder, in zu warmem Kontext leichten Frost gibt! Die Neuaustriebe des Leccino von 2008 und auch des jüngeren Leccino von 2012 scheinen daran zu leiden. Eine Neigung zur Verblassung/"Chlorose" (mit Vorbehalt) sah ich auch an den Leccino in Seggiano.

16. Januar 2020 Vor die Abkühlung um den 23. hat sich nun eine Abkühlung schon ab 19. geschoben. Aber bis Monatsende ist weiterhin kein ernsthafter Frost zu erwarten. Damit dürfte auch der Februar als Wintermonat eher ausfallen. Die Polarwirbel sorgen jedoch weiter für Ungewissheit. Ein nasskalter Februar wäre für die Oliven auch nicht lustig, da sollte ich gleichfalls ans Einpacken denken, wenn sich das stabilisiert als Prognose.

17. Januar 2020 Gerade gab es zwei fast sommerliche Tage, Mittwoch und Donnerstag, von der Stimmung her eindeutig sommerlich, von den Temperaturen her "nur" um die 14 Grad tagsüber. Dafür gab es heute (Freitag) morgen wieder mal leichten Frost, -1,6 Grad. Und es könnte nach dem 19. doch Richtung -5 gehen, wenns blöd läuft auch mal kurz darunter! Aber einpacken wegen einer Nacht??
Vergilbter Leccino von 2008 am 29. Januar 2020
20. Januar 2020 Aus den für Dienstag prognostizierten -5 Grad wurden heute -4 Grad. Bei ECMWF sieht es noch günstiger aus (für mich, nicht für den Wintersport) und nur sehr kurzfristig frostig. Ich habe trotzdem heute mal 8 Pflanzen eingepackt, da auch Strahlungskälte zu erwarten ist. Zudem bleibt es weitgehend windstill, so dass ich keinen besonderen Aufwand mit der Befestigung treiben musste.

22. Januar 2020 Jetzt haben wir tatsächlich nochmal sowas wie Winterwetter. Der Frost ging aber nur bis etwa -3 Grad in den beiden vergangenen Nächten. Lang bleibts so nicht, die nächste Erwärmung naht.

27. Januar 2020 Die Erwärmung lässt auf sich warten bzw. fiel nicht so gravierend aus wie erwartet. Jetzt drohen für morgen erstmal Sturm und Regen, ich sammle daher heute meine acht Vlieshüllen ein (der Granatapfel bleibt eingepackt) und hoffe, dass es keine Frostüberraschungen gibt, bislang wird nur geringfügiger Nachtfrost angekündigt. Und Anfang Februar solls warm werden. Mal schauen.

01. Februar 2020 So, das wars jetzt also für diesen Winter, die Erwärmung ist gekommen! Um den 5. Februar herum wirds nochmal ein bisschen kühl, vielleicht gibts auch geringen Frost, aber dann gehen die Temperaturen schon wieder hoch. Zweistellig im Frostbereich wirds im Februar wohl nicht mehr. Auch Richtung -5 ist die Wahrscheinlichkeit gering. ABER: Nicht vergessen, am 01. März 2005 gab es bei uns in der Region Frost um die -15 Grad! Der Winter 2005/06 brachte dann auch einige Kälte- und Schneerekorde. Die Winter 2008/09 bis 2012 waren gleichfalls nicht ohne, denken wir an den Frostfebruar 2012 - der bei mir im Olivenhain weitgehend Tabula Rasa gemacht hat! Und gerade die vergangenen Jahre haben das Phänomen "Märzwinter" wieder ins allgemeine Bewußtsein gebracht. Allerdings deuten die bisherigen Prognosen von ECMWF und NOAA nicht darauf hin, dass wir in diesem Jahr damit rechnen müssen.

Der einsam vergilbte, spärliche Neuaustrieb eines Leccino der Pflanzung von 2008 (siehe Abbildung rechts, Vordergrund) hat sich trotz Eisengabe nicht erholt. Allerdings hat er von den vergangenen Frosttagen auch ohne Einpackung keinen bislang sichtbaren Schaden davongetragen.

Heute gab es auch eine interessante Begegnung bei den Oliven. Als wir uns der Hütte näherten, sahen wir eine ältere Dame gerade vom Rosmarin weg eilig das Gelände verlassen. Ich folgte der Dame und sprach sie an. In den Händen hielt sie einige abgerissene Rosmarinzweige. Ich bat sie, den Rosmarin den Wildbienen zu überlassen und der Pflege durch die Besitzer, uns. Sie erklärte forsch, dass sie Besuch erwarte und nicht mehr auf den Markt gekommen sei und sich daher "erlaubt habe", einige wenige Rosmarinzweige für den Braten vom üppigen Busch zu nehmen. Ich sichtete dann den Busch und fand zahlreiche frische Abrissstellen, die darauf schließen ließen, dass in diesem Jahr schon öfter "Besuch gekommen" sein musste, bei dieser Dame und vielleicht auch anderen "Erntehelfern". Klar, jeder denkt, die paar Zweige, die ich wegenehme, was macht das schon. Aber das denken eben viele, zu viele ...

Sturmschaden Februar 202009. Februar 2020 Der Orkan Sabine hat die Oliven zerzaust, aber keine ernsten Schäden auf der schon bei Normalwetter windigen Kuppe hinterlassen. Einhüllungen gab es keine, die er hätte zerfetzen können - mit Ausnahme der für den Granatapfel, die teilweise losgerissen wurde. Das Blechdach der Hütte wurde allerdings an der Südwestecke gelöst und umgeknickt.

20. Februar 2020 Heute habe ich die Mispel beim Haus geschnitten. Das Holz ist unglaublich zäh!! Eine Reb- oder Baumschere kommt da rasch an ihre Grenzen, und Sägen müssen besonders leistungsfähig sein. Im Weinberg habe ich begonnen, zwei der vier Reihen Auxerrois von 1951 herauszunehmen. Leider hat sich niemand gefunden, der den Weinberg übernehmen möchte - allen Interessenten war das zu viel Arbeit bei den alten Stöcken mit engem Reihenabstand und biologischer Pflege.

24. Februar 2020 Der Frühling ist jetzt erstmal ausgesetzt. Eine Regenwoche mit einzelnen Schneeschauern steht an und das könnte so, naßkalt, noch etwas länger anhalten. Der Sturm Yulia hat vergangene Nacht die Granatapfeleinhüllung erneut gelöst.

09. März 2020 Gerade habe ich im Weinberg die Reben gebunden. Mit Handschuhen und dicken Winterstiefeln! Es mag seltsam erscheinen, von Märzwinter zu reden, wenn es auf dem Feldberg Regenschauer gibt. Und doch: In Relation zu den Februartemperaturen haben wir durchaus einen Märzwinter - und nach einer kurzen Zwischenerwärmung könnte er am Wochenende nochmal fester auftreten, den Prognosen zufolge. Außer Leccino haben nun auch andere Oliven, vor allem Aglandaou und Ascolana, Blattvergilbungen entwickelt. Eine Folge wohl der anhaltend kühl-feuchten Witterung.

15. März 2020 Sonntag. Reiches Blühen bei  Rosmarin, Pfirsichen und Maibeeren. Üppig Taubnessel und Persischer Ehrenpreis auf der Wiese. Und seltsame Corona-Konsequenzen: So viele Spaziergänger im Weinberggelände unterwegs wie noch nie! Wenns halt sonst nichts mehr zu tun gibt, alle Veranstaltungen abgesagt sind und Ausflüge in städtische Gefilde sich nicht mehr empfehlen, entdeckt man die Nähe. Und geht bei mir quer durchs Gelände, pflückt Rosmarin-Zweige und benimmt sich auch sonst wie im All-inclusive-Urlaub. Eine Tendenz, die aber schon vor Corona zu bemerken war. Meine Rosmarine werden in diesem Jahr heftiger denn je gerupft - auch der kleine, abseits vom Weg!

16. März 2020 Gestern und heute morgen Eis auf dem Dach. Märzwinter-Launen. Trotzdem hab ich nun noch als letzte Pflanze den Granatapfel ausgepackt. Seine Knospen schwellen schon sacht. Die erste Eidechse habe ich in diesen Tagen auch schon gesichtet, bei einem Mauseloch. Zwei Wochen früher als vergangenes Jahr.

21. März 2020 Zum Frühlingsbeginn wirds ab Sonntag nochmal von Nordost her kalt bis in den Minusbereich. Den Oliven wirds nichts ausmachen, aber für die abgehende Pfirsichblüte könnte es fatal werden. Zum Glück haben die Feigen und der Gemüsebaum noch nicht ausgetrieben. Den Maibeeren (die auch schon blühen) macht ein bisschen Frost nichts aus.

29. März 2020 Einige der Pflanzen mit Blattaustrieb haben unter den leichten Frösten der vergangenen Tage gelitten, Schisandra, Ölweide und Eberraute vor allem. Mal schauen, was jetzt noch kommt! Laut ECMWF ist nur noch Montagfrüh mit Frost zu rechnen. Und ab kommendem Wochenende wirds dann richtig warm. Wie auch immer, die Oliven kamen ordentlich durch diesen milden Winter, auch wenn das Laub unter der kühlfeuchten Witterung litt. Occhio di Pavone dürfte zum Thema werden.

Auffallend: Am blühenden Rosmarin zeigen sich nur Honigbienen - wo kommen die schon her? Hummeln sehe ich vereinzelt, Wildbienen nicht, irritierend! Da immer Rosmarin to gowieder Leute Rosmarinzweige abreißen, biete ich nun geschnittenen "Rosmarin to go" an.

04. April 2020 Den ersten Bläuling gesichtet. Die Wiese blüht üppig, viele in den Startlöchern, kommende Woche werden die Farben explodieren auf der Olivenwiese! Denn es wird richtig warm, und es ist Schluß mit den Nachtfrösten, die zwischen 31. März und heute noch viermal zugeschlagen haben, bis -4 Grad! Die Austriebe der essbaren Ölweide (Elaeagus multiflora) sind von den wiederholten Frösten weitgehend abgetötet, schade, sie war so gut gekommen! Die Maibeeren blühen ungerührt weiter, inzwischen alle drei Pflanzen. Borealis (in der Mitte) am vitalsten, Honey Bee (östlich) und Blue Velvet (westlich) sehr verhalten, Blue Velvet bringt keine neuen Bodenaustriebe, wird auch in der Literatur eher zurückhaltend beurteilt. (Einige Tage später zeigt sich, dass Honey Bee geschädigt ist!)

Bei Olivastra Seggianese sieht es so aus, als hätten vier Absenker Wurzeln gezogen, ausschließlich die nach Norden exponierten. Die nach Süden sind abgetrocknet, bei Leccino die südlich und die nördlich exponierten. Fleißig Wurzeln ziehen ganz ohne Unterstützung aufliegende Zweige von Rosmarin und Eberraute.

05. April 2020 Sonntag, Osterferien-Beginn: Motorradlärm! Super, zuhause bleiben wegen Corona und dann ringsum die Motorradler heulen und Gas geben hören! Wie lange lässt die Gesellschaft sich das noch gefallen! Ob auf dem Balkon, im Wald, auf der Olivenwiese: Irgendwo dröhnt einer und heult und rattert. Kriegserklärungen an die Umwelt, an die Anderen. Einen Elektromotor am Geschoss will keiner.

15. April 2020 Schon wieder zwei, allerdings ganz sanfte, Frostnächte.

Es fällt mir schwer, das "normale" Leben, zu dem der Olivenhain gehört, zu schätzen und aufrecht zu erhalten unter den vielfachen aktuellen Problemlagen, wozu vor allem Corona und die Flüchtlingssituation gehören. Die Wiese wird zum privaten Rückzugsort und zugleich öffentlich durch die vielen Erholungssuchenden, die nun dort verweilen. Während die Olivenhaine auf Lesbos zum Bild des Flüchtlingselends werden. 

21. April 2020 Wochenlang kein Regen, den Oliven ist es - bislang noch - egal und die anderen Pflanzen, selbst die Wiese, stehen gut da. Das dürfte am schwer durchlässigen Lehmboden und am nächtlichen Tau liegen. Aus Berlin schreibt ein Freund, Brandenburg werde zur Wüste. Klar, die Sandböden sind schon da. Und mit der Lieberoser Wüste auch die einzige nennenswerte Wüste Deutschlands.

Aprilfrostschäden bei der Ölweide und bei einer Maibeere (Honey Bee). Auf der Bank der stumme Kopf einer Eidechse, die mich anblickt. Die Falken haben mal wieder zugeschlagen.

23. April 2020 Als ich am Abend zur Wiese komme fliegt der Turmfalke vom Boden auf, der die Wiese zu seinem Revier erkoren hat. Ob er es ist, der die Mäuse auf meiner Loggia deponiert hat vergangene Woche, mehrmals, ehe ich ein Netz vor der Loggia anbrachte? Mäuse von der Olivenwiese? Weiß er, dass ich unten im Ort neben der Scheune mit seinem Horst wohne? Eine Krähe fischt Maikäfer aus der Luft. Ein Maikäfer umschwirrt minutenlang den chinesischen Gemüsebaum. Die Sonne geht tiefrot unter. Corona ist weit weg.

24. April 2020 Ich beginne mit dem Schnitt der Oliven, die teilweise wieder sehr dicht geworden sind -  mit der entsprechenden Occhio di Pavone-Gefahr. Vor allem Verzola fällt mir auf mit extrem unstrukturiertem, teilweise struppigem Wachstum - während Maurino beeindruckend klar wächst.

01. Mai 2020 Auf der Wiese üppiges Blühen, Skabiosen und Wiesensalbei in Fülle, auch die Karthäusernelken stehen kurz vor der Blüte. Doch an Schmetterlingen und anderen Insekten ist kaum etwas zu sehen. Sind die Nächte noch zu frisch?

12. Mai 2020 Schon seltsam, pünktlich zu den Eisheiligen (Mamertus war gestern dran) in der vergangenen Nacht - nach einem Regentag - wieder Frost, allerdings nur geringfügig unter Null. In Italien wird es nun richtig heiß, während bei uns noch einige Tage eher kühle Temperaturen dominieren, besonders bei Nacht ist mit den Frühsommergefühlen wieder Schluß.

16. Mai 2020 Olivastra Seggianese und Aglandaou entwickeln bereits üppig Blütenstände. Sieht so aus, als habe Mamertus ihnen dabei nichts antun können. Allerdings sind einige der Blätter bei den französischen Sorten geschädigt, verbräunt durch den Frost nach der warmen Periode.

23. Mai 2020 Auch andere Sorten entwickeln nun Blütenstände, Leccino und Ascolana vor allem.

11. Juni 2020 Der Granatapfel blüht in diesem Jahr zum ersten Mal reichhaltig, einige Blüten sind schon offen, manche kurz davor und noch viele im Köpfchenstadium! Die Trockenperiode im Frühjahr hat ihm offensichtlich gut getan. Er geht endlich auch in die Holzentwicklung statt lange Wasserschosse zu entwickeln wie in den vergangenen Jahren. Der milde Winter dürfte dazu seinen Teil beigetragen haben.

Der Natternkopf breitet sich aus. Auch die Hauhechel hat sich etabliert.

26. Juni 2020 Wieder eine Hitzewelle. An der Paw Paw sterben einzelne Zweige ab, die Blätter werden schlaff und schrumpelig. Sonnenschaden, Wassermangel? Beides klingt nicht überzeugend, denn es sind nur einzelne Zweige, darunter zwei nordexponiert. Und die anderen Blätter sind nicht schlapp, sondern stabil. Und die Früchte entwickeln sich großartig. Großartig auch weiter die Granatapfelblüte!

Weniger erfreulich ist, dass schon wieder ein Rehbock Oliven angefegt hat! Ausgerechnet eine aus den ersten Jahren, die ich fast schon zum Busch umgebaut hatte, nachdem wiederholte Fröste in den jungen Jahren den Stamm weitgehend ruiniert haben. Nun brauch ich den alten Stamm wieder. Das macht den Pflanzenaufbau zusätzlich sehr schwierig, neben Frostschäden und Occhio di Pavone. Ich beginne mit dem Schnitt an besonders verwachsenen, gestrüppigen Oliven. Wirklich starkes Holz entwickelt sich aber nur bei einer Olivastra und einem Leccino.

Insekten gibt es zahlreich dieses Jahr, selbst über der B3-Kreuzung in Untergrombach schwirren Mücken. Bei mir summt, flattert und krabbelt es ausgesprochen üppig - mit einiger Verspätung in diesem Jahr, dafür nun umso heftiger. Auffallend viele Kartäusernelken, auffallend wenig Schafgarbe in diesem Jahr. Um die Donaunuss viele Heidenelken.

18. Juli 2020 Olivenfrüchte haben sich an Olivastra Seggianese, Aglandaou und Ascolana ausgebildet. Allerdings nur wenige. Am Granatapfel sind alle Fruchtansätze bis auf einen abgefallen. Gießen hat wieder nichts genutzt! Sind ihm die Nächte zu kühl?
Tote Fichten im Teutoburger Wald 2020
09. August 2020 Ein Fruchtjahr, zweifellos. Der Weinberg hängt voll, die Walnussbäume, ein Pfirsichbaum, die Feige. Es gab Unmengen an Kirschen, Johannisbeeren, Stachelbeeren und Brombeeren. Heute habe ich die ersten reifen Trauben gegessen! In diesem Jahr wird es die früheste Weinernte seit 2008 geben!

Die Haselnüsse fallen allerdings zum Teil unentwickelt/taub ab, zu wenig Regen! Die "schlimmste Dürre seit 250 Jahren" diagnostiziert das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.

Wie schon im vergangenen Jahr im August wird nun wieder der kümmerliche Maulbeer von Rehen abgeweidet - fing schon im Juli an!

Auf einer Reise durch das Lipper Land sahen wir großflächig abgestorbene Fichtenbestände. Erst vertrocknet, dann vom Borkenkäfer niedergemacht. Auch leidende Kiefernbestände gab es vereinzelt, abgestorbene Zweige und Äste, wie mit Ruß überzogen. Im Kronenbereich allerdings wenig Schäden, Diplodia scheint es nicht zu sein.

Die Sandböden der Senne bereiten uns schon darauf vor, was in einigen Jahren bei uns im Süden auftreten wird. Tröstlich ist, dass die Buchen bislang auch auf diesen Böden noch relativ gut dastehn. Ein Umbau des Waldes, aber auch der Garten- und Landwirtschaft, ist unbedingt notwendig!

Phänomenal übrigens, wie gut sich die Weinbergpfirsiche bei der Trockenheit halten! Mit Früchten bis zu 240 Gramm! Sehr gut hält sich auch der Kreuzdorn! Ich kann allerdings auch davon ausgehen, dass mein Gelände von Wasseradern durchzogen wird. Bei einer Olive steht eine Segge und am Wegrain wächst Seifenkraut.

Im Weinberg ein seltsames Phänomen: Erstmals gibt es Peronospera-Befall an den Beeren OHNE voraufgegangenen Befall an den Blättern! Man darf sich also in den - wohl auch künftig kommenden - trockenen Frühsommern nicht von gesunden Blättern täuschen lassen. An die Beeren ist künftig beim Peronospera-Schutz verstärkt zu denken!

Bei den Oliven leiden nur die Blätter an Pilzerkrankungen - und dabei vor allem die französischen Sorten, an Occhio di Pavone (Spilocaea oleagina). Allerdings in erträglichem Umfang.

12. August 2020 Bei einem der Ziziphusse zweite Blüte!

23. August 2020 Die ersten Kalkastern blühen. Die einzelnen Oliven bei Seggianese, Aglandaou, Ascolana und Leccino sind noch nicht abgefallen, gute Aussichten. Von den Weintrauben ist ein Gutteil schon genußreif.

03. September 2020 Schon wieder eine Gottesanbeterin beim Haus! Auch andere Leute haben in Obergrombach in den vergangenen Jahren und in diesem Jahr schon Gottesanbeterinnen auf ihrem Grundstück gesichtet.
Aglandaou mit Früchten
Auf der Olivenwiese ist der Herbst phänologisch schon voll präsent: Feigen, Walnussbäume, Aronia, Chinesischer Gemüsebaum, Paw Paw, Granatapfel verfärben im Laub und verlieren teilweise auch schon nennenswert Blätter. Die große Feige macht mir Sorge. Sie hängt voller Früchte, die wohl kaum mehr ausreifen werden, so herbstlich wie das Laub nun teilweise schon aussieht.

Es könnte nun im Herbst zu analogen Problemlagen in der Landwirtschaft durch die Klimaveränderung kommen wie im Frühling. Im Frühjahr haben wir nach milden Wintern eine frühe Erwärmung mit entsprechender Reaktion der Pflanzen - und dann wirken die späten Fröste umso heftiger. Nun haben wir im Herbst frühes Abkühlen, vor allem in den Nächten - worauf manche Pflanzen nach der Hitze und Trockenheit bereits mit Blattabwurf reagieren um dann für den milden Herbst nur noch wenig Blattressourcen zu haben.

17. September 2020 Es entwickeln sich mehr Oliven als erwartet! An einem Aglandaou-Busch (s. Foto rechts) habe ich immerhin 12 große Exemplare (und ein paar kleine) gezählt. Auch an zwei anderen Aglandaous hängen Früchte. Damit ist Aglandaou eindeutig die Früchte-Königin. Das entspricht auch den Erfahrungen der vergangenen Jahre. Aglandaou rückt für mich in die vorderste Reihe der Sorten, die bei uns erfolgversprechend sind - allerdings leidet das Holz besonders stark an Feuchtigkeit, vor allem in jungen Jahren und bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Das empfiehlt Vlieseinsatz gerade in mild-feuchten Wintern! Sie ist anfällig für Woll- und andere Läuse, aber das lässt sich im Kleinanbau gut kontrollieren. Bei mir hatte ich bisher noch keine.

Aglandaou gilt auch als trockenheitsempfindlich (4 von 5 Quellen, während eine neuere spanische! Quelle das Gegenteil aussagt) - das kann ich nicht bestätigen. Ich habe ihn und andere Oliven mit Früchten nun erstmals gegossen. Die Trockenheit nimmt gespenstische Formen an und ich möchte die Früchte ungern verlieren!

Die Feigen reifen nun doch aus, und zwar rasant - dabei haben wohl Gießen geholfen und die wieder ansteigenden Temperaturen! Meine Trauben sind großteils nun überreif und es bilden sich teilweise richtig schmackhafte Rosinen! Das ist auch ein Phänomen dieses Jahres: Die überreifen Trauben faulen nicht, sie "reifen" am Stock weiter zu Rosinen!!

20. September 2020 Kommende Woche ab Freitag erwischt uns die erste Kältekeule des Winterhalbjahres. Hoffentlich halten die Olivenfrüchte durch!! Im Oktober wirds voraussichtlich wieder wärmer.

23. September 2020 Nieselwetter. Da wirds wohl nichts mit den Rosinen am Stock im Weinberg. Von den Oliven fruchten (mengenmäßig in dieser Reihenfolge): Aglandaou, Olivastra Seggianese, Ascolana, Bouteillan, Leccino.

28. September 2020 Das kühle Regenwetter der vergangenen Tage lässt meine drei französischen Sorten im Holz, teilweise auch im Laub schon wieder kläglich aussehen. Woran leiden sie? Brauchen sie einen leichten Salzgehalt in der Luft? Meine Erfahrungen mit Salzsprühungen waren ja leider unerfreulich: Dann kommen die Rehe und knabbern die Blätter ab!

01. Oktober 2020 Etwas vorgezogen gab es gestern den "Goldenen Oktober", der angekündigt war vor einiger Zeit. Auch heute beginnt der Tag erst mal mit Sonnenschein - aber die weiteren Wetter-Aussichten sind unklar und es sieht eher nach einer regnerisch-kühlen ersten Oktoberhälfte aus. Im Weinberg die Trauben haben die Regenperiode bislang ganz gut überstanden, es gibt weiterhin überwiegend Rosinenbildung statt Fäulnisbildung!!

Ich habe weitere Oliven bestellt aus Italien, an neuen Sorten sind dabei Arbequina, Ghiacciola/o und Tanche. Eigentlich wollte ich nach Nyons reisen zum Tanche-Einkauf, aber Corona hat das vereitelt. Nun habe ich eine italienische Baumschule gefunden, die mir - auch - Tanche liefern kann. Die Speditionskosten sind mit 73,20 Euro höher als aus Frankreich oder Ungarn, aber ich erwarte bessere Pflanzenqualität. Außerdem kann man bis zu 15 Exemplaren an 2/3-Jährigen zu dem Preis geliefert bekommen, das ist dann durchaus akzeptabel! Wobei ich jetzt erstmal abwarten muss, was kommt und wie!

02. Oktober 2020 Am 29. September in Italien, den Marken bestellt, heute bereits geliefert (Chapeau und Mille grazie!): 2x Aglandaou, 2x Ghiacciola (ein Neuankömmling bei mir), 2x Olivastra Seggianese. Ich hab die Pflanzen heute erstmal ins Kalthaus gestellt, über Winter dürfen sie sich dort allmählich akklimatisieren. Ins Gelände kommen sie erst im nächsten Frühjahr. Ich beabsichtige, die drei Sorten im Wechsel in den Weinberg zu stellen, dorthin wo wir zwei Reihen Weinstöcke herausgenommen haben im vergangenen Winter. Die verbliebene Weinberganlage (Pfähle, Drähte) kann perfekt bei Bedarf einen Winterschutz tragen. Ich hoffe, so die Sorteneigenschaften unter den hiesigen Bedingungen klarer herauszufinden. Auffallend ist vorab schon, dass Aglandaou die am schwächsten wüchsige Sorte der drei gelieferten ist. Alle drei französischen Sorten, die ich habe (Aglandaou, Boutellian und Moufla) sind in meinem Gelände sehr schwach wüchsig. Aber bislang wußte ich nicht, ob das an den Sorten oder an den etwas obskuren Herkünften lag. Jetzt habe ich drei Sorten von der gleichen - renommierten - Baumschule im gleichen Alter: und da zeigt sich nun deutlich die sortentypische Wuchsschwäche von Aglandaou.
Absenker von Olivastra Seggianese Oktober 2020
05. Oktober 2020 Weiterhin "Goldener Oktober" in kleinen Päckchen, mit Bewölkungs- und Regenphasen dazwischen.

Im Olivenhain gibts Nachwuchs! Nun ist das ja eigentlich nicht sonderlich aufregend, Nachwuchs ist in der Natur ganz üblich und überlebensnotwendig. Dieser Nachwuchs ist aber besonders: Ich habe 2018 einige Absenker an Olivastra Seggianese und Leccino gemacht. Die von Leccino sind alle vertrocknet. Die von Olivastra Seggianese sind teilweise angegangen! Um genau zu sein: zwei sind angegangen, haben Wurzeln gebildet. Ich habe sie heute rausgenommen vor dem Winterbeginn, in Töpfe gepflanzt und in das Gewächshaus im Garten gestellt. Dort dürfen sie erstmal geschützt kräftiger werden. Es sind identische Nachkommen der Pflanze, die in sehr gutem Zustand noch von 2008 im Hain steht! Eine wurzelechte Pflanze, vielleicht sieht es daher mit dem Fruchterfolg (noch) nicht sonderlich gut aus.

Bestürzend, wieviele Maikäfer-Engerlinge - zweier verschiedener Generationen! - ich mit den beiden Absenkern ausgegraben habe! Ob die sich in Olivenwurzeln wohl fühlen?? Lags an der Feuchtigkeit unter den Steinen, mit denen ich die Bewurzelungszone abgedeckt hatte? Und wieviele Wurzeln der Absenker hatten sie schon abgefressen?

Es gibt in diesem Jahr noch einen weiteren bemerkenswerten Nachwuchs im Olivenhain: Aus der Wildunterlage meines Maurino treibt ein Sprössling weit ab vom Stamm, also aus dem Wurzelbereich! Das kam bislang nur bei (wegen Frostschäden) gekappten Bäumen vor. Seltsamerweise ist das schon die zweite Maurino-Unterlage, die auffallende Vitalität bei mir zeigt - bei unterschiedlichen Lieferanten! Fordert Maurino seine Unterlage weniger als andere Sorten?

Schade, dass Maurino nicht zu den außergewöhnlich froststabilen Varietäten zählt. Er ist so schön mit den langen, schlanken Blätter und so besonders, auch das Öl ist sehr eigen, mild und besonders aromenreich! Das Aroma lässt sich bereits beim Verkosten der Blätter erahnen, die weniger aggressiv als die der anderen schmecken und doch Kraft spüren lassen.

Es gibt kaum Haselnüsse in diesem Jahr, wegen der Trockenheit. Die Walnüsse sind teilweise in der Blüte erfroren, teilweise stark von der Walnussfliege befallen. Und meine Rote Donaunuss wurde von "Räubern" systematisch noch am Baum abgeerntet!

Neben den Absenkern habe ich auch noch den Kümmer-Leccino von 2008 rausgenommen und ins Kalthaus gepflanzt. In seinem Wurzelbereich steckten zwei Engerlinge. Insgesamt war die Wurzelentwicklung sehr schwach, drei tiefe Haltewurzeln gab es, nicht einmal einen halben Zentimeter stark jeweils, und wenige oberflächennahe Feinwurzeln.

Bestürzend sowohl bei diesem Leccino als auch beim Olivastra Seggianese: Wie extrem flach durchaus relevante Wurzeln liegen! Nur wenig unter der Oberfläche, was bei Trockenheit und Frost fatal werden kann. Ist es meine eigene Schuld, Resultat des Mulchens, zu nahe am Stamm?? Dass Oliven gerne Flachwurzeln ausbilden, ist mir schon verschiedentlich aufgefallen, auch bei Pflanzen, die in Mulden saßen und die Wurzeln dann nach oben in den Muldenwulst hinein geschickt haben. Ein Hinweis darauf, dass es im ursprünglichen Herkunftsgebiet der Oliven häufig Oberflächenfeuchte gab (Nieselregen, Tau ...)? Steckt dieses implizite Wissen hinter der Plantation en butte? Ein alter Olivenbauer in Seggiano hat mir dazu schon 2018 einen Hinweis gegeben. Das heißt aber, der Hügel sollte zunächst sehr eng sein und dann regelmäßig in den Folgejahren (alle zwei bis drei Jahre?) angeschüttet werden, um die jeweils gebildeten Flachwurzen abzudecken! Darauf, dass die Hügel sukzessive gebildet wurden, habe ich Hinweise in Frankreich gefunden.

Meine Anschüttungen an Stämmen haben übrigens nichts gebracht, es haben sich dort keine Wurzeln gebildet! Schlechte Aussichten für meinen Plan, aus veredelten Exemplaren langfristig wurzelechte zu machen durch Überschütten der Veredelungsstelle! Ich werde wohl nochmal zur Bibliothek von Pistoia reisen müssen um die dortige historische Olivenanbauliteratur intensiver durchzuackern und vielleicht Antworten auf meine Fragen zu finden! Die Oliven, bei denen ich die Wurzelbildung in Anschüttungen gesehen hatte, waren älter als meine, etwa 30 Jahre alt.

09. Oktober 2020 Als erste verfärben sich nun die Bouteillan-Oliven. Bei der Wintervorbereitung der Baumscheiben entdecke ich einige Maikäfer-Engerlinge. Darunter auch einen von Beauveria brongniartii befallenen! Der Pilz ist also bei mir im Boden. Das heißt: Ich nehme die Engerlinge nicht einfach raus. Ich teile sie und verbuddle sie dann wieder an gleicher Stelle. Auf dass der Pilz etwas zu fressen findet und sich vermehren kann.

Interessant auch die Beobachtung, dass Staudenlein eine ähnliche Wurzelstruktur aufweist wie Oliven. Ein weiterer Grund (neben dem Problem, ihn mit Freischneider nicht kürzen zu können), Lein vom Olivenhain fern zu halten. Allerdings sind die Leinwurzeln viel heller, fast weiß, also gut zu unterscheiden bei genauem Hinschauen.

13. Oktober 2020 Heute kam die zweite Lieferung neuer Oliven. 3x Arbequina (Spanien), 3x Tanche (Frankreich), 2x Ghiacciola, 2x Seggianese, 1x Rosciola (die letzteren drei italienische Sorten). Wieder sehr anständiges Pflanzenmaterial! Arbequina sehr klein, aber mit Früchten! Auch die vierte französische Sorte, die ich nun habe, Tanche, fällt auf durch schwachen Wuchs (ist allerdings etwas größer als Arbequina). Während Ghiacciola und Seggianese auch von diesem Lieferanten herausragen durch Größe und Stammumfang.

Bis Ende der Woche bleibts noch kühler, bei gelegentlichem Sonnenschein. Nächste Woche könnts wieder etwas wärmer werden. Allerdings bestätigt sich weiter, dass Wetterprognosen immer schwieriger werden durch die Turbulenzen im Klimageschehen. Meine Neukäufe sollen kein Ausdruck sein davon, dass ich von einer ungebrochenen Fortdauer der Serie milder Winter ausgehe. Ich setze lediglich mein Experiment fort, mit Nachpflanzungen zweier bewährter Sorten (Seggianese und Aglandaou) sowie vier neuen als froststabil gehandelten Sorten (Arbequina, Ghiacciola, Rosciola und Tanche).

Früchte
              von Bouteillan 24. Oktober 202024. Oktober 2020 Frühlingshafte Temperaturen und Stimmungen. Dabei gab es in der Nacht vom 20. auf den 21. Oktober schon mal gerade 2 Grad plus! Und es bleibt warm bis Anfang November. Die Langfrist-Prognosen gehen von einem erneut sehr milden Winter aus.

Erste Ernte: Bouteillan. Wenige aber schöne, runde, schon schwarzviolette Früchte (s. Bild)! Und wie heißt es doch so freundlich bei Feinkost Dittmann auf der Rückseite des Glases für schwarze Oliven "Casablanca Provençale": "Nur in klimatisch besonders begünstigten Regionen können Oliven dunkel ausreifen". Na also! Die Früchtchen sind beim Anschnitt auffallend ölreich. Auch Olivastra Seggianese beginnt schon mit der Färbung, während Aglandaou und Ascolana noch grün strotzen.

Es mag übertrieben scheinen, hier Oliven vorzustellen, als handele es sich um Preziosen. Nun, immerhin sind dies höchstwahrscheinlich die ersten voll ausgereiften Bouteillan-Oliven von einer Freilandolive in Deutschland (es gab bei mir schon zuvor einzelne Bouteillan-Früchte, aber die waren nicht so gut entwickelt). Und ich möchte das Bewußtsein dafür schärfen, welche Fülle an unterschiedlichen Olivensorten mit unterschiedlich geformten und gefärbten Früchten - die auch verschieden schmecken - es doch gibt. Auch am gleichen Baum nebenbei, abhängig vom Befruchter! Es ist denkbar, dass diese beiden Früchte, die von der gleichen Pflanze stammen, unterschiedliche Befruchtersorten haben. Die Auswahl in meinem Hain ist groß, mit derzeit 9 durchmischt stehenden Sorten (im nächsten Frühjahr kommen weitere 4 dazu)!

28. Oktober 2020 Die Wetterentwicklung ist schräg, zwei Wochen mit einem rhythmischen Wechsel zwischen wärmeren und kühleren, sonnigen und regnerischen Tagen. Und die Langfristprognosen gehen zunehmend von einem ähnlich warmen Winter wie 2019/20 aus - den mein Hain ohne Einhüllungen gut bestanden hat.

02. November 2020 Frühling und im Gewächshaus bei den Überwinterungsoliven (Absenker, eine "Invalide" von 2008 und Neueinkäufe) 30 Grad am Vormittag, draußen 20 Grad. Einen ähnlich warmen Novemberanfang gab es 2015. Dem folgte ein Winter mit einer Tiefsttemperatur von immerhin -8 Grad (19. Januar 2016), mit häufigen starken Temperaturwechseln, nicht gut für die Oliven! Sieht so aus, als könnte auch dieser Winter so werden. Nicht zweistellig kalt, aber kalt genug für Schäden und mit stetem Auf und Ab! 2016 hat das zu starkem Blattverlust geführt - möglicherweise verursacht durch die Einhüllungen, unter denen es zwischendurch sehr warm wurde.

07. November 2020 Drei Nächte hinereinander gab es nun leichten Frost. Die Prognosen eines sehr warmen Novembers bewahrheiten sich bislang nicht. Für kommende Woche ist nach einer kleinen Zwischenerwärmung zum Wochenende wieder eine Abkühlung zu erwarten.

Was bedeuten die Frostnächte eigentlich für die Olivenfrüchte? In italienischen Foren finde ich die Angabe "die Alten" hätten gesagt, nach dem ersten Frost müsstenOliven am
              Hambacher Schloss die Oliven geerntet werden. Dabei wird allerdings von Öloliven ausgegangen. Tafeloliven dürfen/sollten ja vollständig ausreifen. In einer Publikation von Vera Sergeeva (University of Western Sydney) über den Olivenanbau in Australien habe ich Hinweise darauf gefunden, dass Frost vor der Ernte die Qualität des Olivenöls negativ beeinträchtige.

Gestern war ich mit einem Freund in St. Martin. Die Olivenbäume dort hängen voll mit Früchten, die sind intensiv schwarz und reif, das Fruchtfleisch weiß, beim Drücken tritt ein weißlicher Schaum aus, die Aromen sind angenehm, bei den weicheren Früchten hält sich die Adstringenz in Grenzen, die Bitterkeit ist allerdings noch heftig. Dann gings weiter zum Hambacher Schloss. Dort stehen vor dem Restaurant 1832 zwei schöne, ca. 18 Jahre alte Olivenbäume in Kübeln (s. Bild). Das Restaurant bleibt bis März 2021 wegen Corona geschlossen - ob die Oliven vergessen wurden? Ich werde die im Februar nochmal besuchen müssen, um das zu überprüfen bzw. deren Winterfestigkeit zu erfahren ggf. Sie haben relativ gute Chancen, da sie Richtung Süden vor einer wärmespeichernden Mauer stehen - allerdings leider nicht direkt an der Mauer, der Kübel abgeschattet von einer Brüstung.

Um es wieder einmal zu sagen: Es ist eben der Unterschied, der den Unterschied macht (Gregory Bateson): Seggiano und Villeperdrix sind weit entfernt von Frosttemperaturen. Seggiano misst aktuell 16 Grad, Villeperdrix 12. Und Bruchsal 7 - nach einer erneut frostigen Nacht. Vielleicht sollte auch mal jemand Trump erklären, weshalb der Unterschied den Unterschied macht. Als Informationsverweigerer wird er das allerdings kaum akzeptieren.

07. November 2020 Als zweOlivastra Seggianese Früchteite Sorte habe ich nun Olivastra Seggianese schwarz geerntet. Die Früchte sind etwas kleiner als Bouteillan und oval-rund, die Blätter länger - und weniger (s. Bild). Die meisten meiner Olivenfrüchte sind eher klein und rundlich - ist das bereits eine Standortanpassung? Oder gilt das für frostharte Sorten allgemein?

Auf der Wiese blühen die unterschiedlichsten Kräuter, leider auch wieder ganz intensiv das Berufkraut ("Einstrahl"), das sich fest auf meiner Wiese eingenistet hat vom benachbarten ehemaligen Maisfeld, jetzt "Biodiversitätsfläche" mit Neophyten und wenig interessantem Allerweltszeug - was eben so die konventionelle Landwirtschaft überlebt.

Was auch blüht: die Maibeeren! Und das ohne Laub, es gibt nur zahlreiche Blüten! Kahl sind auch schon Kaki, Maulbeere, Paw Paw, Granatapfel, Feige und Ziziphus jujuba.

22. November 2020 Zweite Frostwelle nun nach den Tagen um den 7. November. Gestern früh -3 Grad! Die kleine Feige beim Haus hat nun alle Blätter verloren. Die verbliebenen Oliven dunkeln nur noch sehr zögerlich weiter, am stärksten verfärbt sind die Ascolana-Früchte.

Im Weinberg zeigt sich ohne Laub eine extrem gute Holzentwicklung in diesem Jahr. Mit Fruchtruten für das nächste Jahr gibt es keine Probleme, falls der Winter tatsächlich mild ausfällt, wie bisher prognostiziert. Es ist auch kein einziger Stock in diesem Jahr ausgefallen! Offensichtlich ist ein wesentlicher reduzierender Faktor für ältere Weinberge in Deutschland strenger Winterfrost - und den gab es im Winter 2019/20 nicht.

29. November 2020 Kommende Nacht richtig frostig, bis -6 Grad zu erwarten nach Mitternacht. Strahlungskälte und leichter NNO-Wind. Dann nochmal Donnerstag/Freitag kalt, danach eine Woche Ruhe - mit Kühle von den Alpen, mit Schnee, her.

30. November 2020 Hallo liebe Olivenfreunde, heut haben wir wieder eine Lektion erhalten! Es mag ja sein, dass der November 2020, und vielleicht auch der ganze Winter, als einer der wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen gelten wird: Vergangene Nacht stürzte die Temperatur kontinuierlich ab auf -7 Grad. Und in den Morgenstunden gab es immer noch -5 Grad. Das war der kälteste Novembertag seit 2008 (weiter zurück habe ich nicht geschaut). Die Sonne kommt derzeit ja auch kaum über den Horizont. Hätte ichAscolana
              Früchte Ende November 2020 meine neuen Olivenpflanzen draußen im Gelände gehabt ohne Schutz, wärs das vielleicht schon gewesen. So standen sie im Kalthaus, mit einem Ölradiator als Heizung, der die Temperatur bei etwas unter Null Grad hielt. Mal schauen, wie's weitergeht mit diesem Winter! Jedenfalls zeigte sich wieder einmal, dass das Jonglieren mit Durchschnittstemperaturen wenig aussagt über konkrete Temperaturverläufe. Der Frost hat auch den chinesischen Gemüsebaum nun entblättert.

Heute hab ich die Ascolana Fruechte geerntet. Leider noch nicht ganz schwarz, aber schon schön verfärbt. Einzelne waren schon runzelig - ein Frosteffekt der vergangenen Nacht oder nur Reifungsprozess? Der Anschnitt zeigt ein eher wässriges, feines Fleisch. Die Aglandaou sind noch schön glatt und augenscheinlich ungefrostet geblieben. Da sie überwiegend auch noch grün sind, lasse ich die noch eine Weile hängen.

Beim Einlegen der Ascolana habe ich schon mal die Bouteillan verzehrt, die jetzt 5 Wochen eingelegt waren - das hat gereicht zum Entbittern. Der Geschmack ist großartig, sehr mild, nach Birne, aber auch etwas herb nach Gras und leicht pfeffrig. Und ausgesprochen ölig im Mundgefühl.

06. Dezember 2020 Ab Mitte des Monats wirds wieder milder. Soll ich die Früchte noch hängen lassen und auf weitere Reife hoffen? Ich mag nun mal die schwarzen Oliven lieber als die grünen. Auch wenn die grünen Oliven von Arezzo die großartigsten waren, die ich je gegessen habe. Im Holzfass eingelegt, in einem kleinen Krämerladen. Bis ich so was hinbekomme, wirds sicherlich noch dauern ...
Aglandaou mit
              Früchten Dezember 2020
14. Dezember 2020 Es sollte eigentlich milder werden. Für vergangenen Nacht waren minimal 4 Grad angekündigt. Daraus wurde erneut Frost. "Gib ihnen noch zwei südlichere Tage" hatte ich mir erhofft, erhoffe ich mir weiter für die Oliven, damit die schön angefärbten Aglandaou noch reifen können. Mal schaun, was daraus wird.

17. Dezember 2020 Schon wieder zwei nicht angekündigte Frostnächte und eine Schlagzeile "Arktischer Ausbruch zu Weihnachten". Zugleich ist auch von "Weihnachtstauwetter" die Rede. Aha. Nach dem ECMWF wird es erst nach Weihnachten kurz kälter. Aber da ich ohnedies nicht verreisen kann, stehe ich notfalls für Einhüllungen zur Verfügung.

19. Dezember 2020 Heute habe ich die letzten Oliven geerntet, Aglandaou. Aus den "zwei südlicheren Tagen" war leider nichts geworden. Einige Oliven dürfen bleiben, damit ich Erfahrungen sammeln kann, wie es mit den Oliven beim Hängenlassen im Winter weitergeht. Leider sah ich beim Pflücken, in welch bedauernswertem Zustand die Blätter voErmte
              Aglandaou 2020n Aglandaou sind. Übersät mit Occhio di Pavone! Auch die von Bouteillan und Moufla sehen nicht wirklich gut aus nach der langen Nieselperiode mit gelegentlichen Nachtfrösten. Ascolana zeigt nur vereinzelt Occhio di Pavone, dafür aber einige Erfrierungen an den Blättern, Verbräunungen, und teilweise Laubfall. Die anderen stehen ordentlich da, vor allem die Blätter von Verzola beeindrucken mit Vitalität. Erfrierungen von der -6/7-Grad-Nacht zeigt auch die ältere Feige an manchen Astspitzen.

Noch immer gibt es vereinzelte Blüten bei Skabiosen und Karthäusernelken. Und der Rosmarin scheint sich geradezu auf Frühling eingestellt zu haben, blüht und treibt zahlreiche neue Blütenknospen.

Erntebilanz bei den Oliven: Am frühesten reiften Bouteillan. Sie sind sehr ölhaltig und schmackhaft! Am reichhaltigsten reiften Aglandaou - mit einer extremen Varianz an Formen, Farben und Reifezuständen. Was unterschiedliche Befruchter vermuten lässt.

Die Wetterentwicklung konkretisiert sich: Nach Weihnachten wird es einige Tage frostig.

22. Dezember 2020 Aber jetzt herrscht erst einmal warme Luft vom Atlantik. Grad gibts groteske 13 Grad! Schweißausbruch beim Jogggen um 18 Uhr. In Seggiano haben die Oliven 11 Grad, in Villeperdrix 8 Grad.

29. Dezember 2020 Ich habe den Granatapfel bei der Hütte eingepackt. Demnächst könnte eine längere kalte Periode kommen. Im übrigen darf ich mich nicht schon auf der sicheren Seite wähnen, nur weil November und Dezember so mild waren. Auch 2011 hatten wir einen etwas wärmeren November und einen viel wärmeren Dezember - und was kam dann? Der grausame Februarfrost 2012, zwei Wochen zweistelliger Frost in den Nächten, der alle Oliven vollends zerstörte, die die strengen Winter ab 2008/09 noch überstanden hatten! Und wie ich schon verschiedentlich angemerkt habe, gibt es auch keinen direkten Zusammenhang zwischen der Durchschnittstemperatur eines Winters und der Anzahl an Frost- und Eistagen. Die Perspektiven für Olivenanbauer in mitteleuropäischen Grenzlagen bleiben also ungewiss.

CORONA-Tagebuch. Beobachtungen, Informationen, Reflexionen.


05.03.20 In meinem lokalen Supermarkt am leeren Toilettenpapierregal ein Schild: "Es kommt seit einer Woche zu Abverkäufen, die das 6-fache einer 'normalen' Woche betragen."

Die anti-chinesische Propaganda und die Abwehr gegen das Hamstern scheinen wichtiger als eine Debatte um wirksame Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Ausbreitung.

15.03.20 In Brescia werden fehlende Ventile für Beatmungsgeräte mit einem 3D-Drucker "raubkopiert", da der eigentliche Hersteller nicht so schnell liefern kann.

17.03.20 Ab heute Schulenschließung! Zur Begründung der rigiden Maßnahmen wird auf die Erfahrungen mit der Spanischen Grippe (die treffender "Amerikanische Grippe" heißen müsste) 1918 in den USA verwiesen. Bezug genommen wird auf eine Untersuchung, die im Vergleich Philadelphia-St. Louis überzeugend den Sinn unverzüglicher und rigider Einschränkungen des öffentlichen Lebens in der damaligen Situation zeigt. Der Vergleich ist allerdings mit Vorsicht zu betrachten, da die Spanische Grippe zu 40% die Altersgruppe 20-35 betraf (auch bezüglich der Todesrate) und für die Letalität weniger die Grippe selbst, hohes Alter und Vorerkrankungen, als vielmehr eine nachfolgende Lungenentzündung bei unzureichender medizinischer Versorgung, mangelnder allgemeiner Hygiene und schlechtem Ernährungszustand (in der Summe) ausschlaggebend waren.

Ob später mal die Bilanz erstellt wird, die zeigt, ob die Schulenschließung und andere Schließungen nicht mehr Schaden anrichten als Corona? Eine politisch aktive Bekannte meint, diese Frage sollte man besser nicht laut stellen. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, zunächst einmal die Klassen und damit den Unterricht zu halbieren, damit die Kinder nicht so eng aufeinander hocken?

18.03.20 Menschen mit Bündeln von Blumen in den Armen kommen mir in der Halle des Hauptbahnhofs Karlsruhe entgegen. Der Blumenladen dort, Blume 2000, verschenkt seine Pflanzen, da er schließen muss wegen der Corona-Epidemie! Viele strahlende Gesichter, die Angestellten freundlich. Manche Leute beladen wie beim Hamsterkauf. Gegenüber im Schnellrestaurant Schilder, die erklären, dass aus hygienischen Gründen auf Einwegbecher umgestellt werde; gebeten wird auch darum, mit Karte zu bezahlen, um Infektionen über Bargeld zu vermeiden ("SSP. The Food Travel Experts").

Auffallend ist der hohe Anteil jüngerer Frauen nun im Straßenbild, meist auf dem Fahrrad. Sind Männer ängstlicher? Oder hocken die alle im Auto?

19.03.20 Im Karstadt Karlsruhe bleibt die Lebensmittelabteilung geöffnet, während das restliche Kaufhaus schließen muss. Der Zugang zur Lebensmittelabteilung führt über abenteuerliche Seitenwege. Als ich davon ein Foto mache, empört sich eine ältere Dame mit vielen Einkaufstüten in der Hand (die zufällig vorbeikommt, nichts mit dem Karstadt zu tun hat), ob ich das denn lustig fände. Ich verneine, sie schimpft aber trotzdem lautstark weiter.

Karstadt Lebensmittel 19. März 2020

Heute fallen mir die Raucher auf im Straßenbild, an S-Bahn-Haltestellen. Ihr Anteil steigt, vermutlich aber nicht die absolute Zahl.

Die Berichte aus Italien machen mich nachdenklich, lassen mich an meiner Gelassenheit zweifeln.

20.03.20 Vor dem DM-Markt in Karlsruhe Kaiserstraße eine lange Schlange, es dürfen sich nur noch 15 Personen gleichzeitig im Markt aufhalten. Draußen aber stehen etwa 60 Leute, teilweise in Gruppen. Ich mache einen großen Bogen.

Menschenschlange vor dem DM am 20. März 2020

Vierter Tag seit Schulenschließung. Seltsame Stimmung auf den Straßen in Karlsruhe, wie nach einer Katastrophe, die Überlebenden trauen sich vereinzelt wieder aus dem Haus, schauen einander fragend an oder in geheimer Solidarität. "Wir sind die, die noch da sind." Manche auch mit dem Blick "wir traun uns". Die Stimmung changierend zwischen festlich (durch die Konzentration und Ruhe, weniger Autoverkehr) und beklemmend.

Am Nachmittag kleiner Ausflug zu zweit (familiär) an den Rhein, mit der S-Bahn. Die Bahnen sind weitgehend leer - es mutet absurd an, wenn ich an das Gedränge vor dem DM denke (und wie es auf vielen Wochenmärkten zugeht). Am Rhein ist es ruhig, einzelne Angler, ein paar andere Kurzausflügler, Spaziergänger. Trotz Industrieanlagen sehr erholsam, vergessen für ein paar Stunden was gerade los ist auf der Welt.

Die "verbliebenen" Menschen sind freundlicher zueinander, es gibt eine erhöhte Gesprächsbereitschaft. Die Stadt ist ein wenig zum Dorf geworden, auch die Welt nochmal kleiner, näher.

21.03.20 Ich darf meine Eltern nicht mehr im Pflegeheim besuchen. Emotional unabsehbar.

Die elfjährige Tochter von Freunden erzählt mir eine Geschichte: In der Bahn habe sie nahe bei einem jungen Paar mit asiatischen Gesichtszügen gesessen. Da sei eine ältere Dame gekommen und habe sie gefragt, ob sie denn keine Angst habe, 'von denen' angesteckt zu werden. Laut genug, dass auch das Paar es hören konnte. Und da habe sie laut losgelacht, zur Entrüstung der Frau, das Paar habe mitgelacht. "Wahrscheinlich waren das sowieso Deutsche, hier geboren", meint das Kind.

24.04.20 In der Bahn ein Obdachloser, der seine Habseligkeiten ausbreitet. Die Leere scheint ihn aber auch zu irritieren. Er grüßt mich freundlich. Einige der Leerräume auf Bänken an Haltestellen oder in Parks werden in diesen Tagen von Gruppen Obdachloser belegt. Oder fallen sie nur mehr auf jetzt, da das andere Publikum weitgehend fehlt? Und weil sie (fast) die einzigen sind, die noch in größeren Gruppen zu sehen sind?

Die anhaltenden Schreckensnachrichten aus Italien machen mir Angst. Das Gefühl kam bislang zu Corona noch nicht bei mir. Die grassierenden Erklärungen, schwaches Gesundheitssystem, illegale chinesische Arbeiter in der Textilindustrie Norditaliens, Kultur der Nähe und des öffentlichen Lebens, sind nichtig angesichts dessen, was in Bergamo und anderen Städten der Lombardei geschieht - und was dort an Hilfe geleistet wird!

25.03.20 Auf der Datenseite des Robert Koch-Instituts werden nun mit Orangeton die Dateneinträge des jeweiligen Tages angezeigt. Damit wird deutlicher gemacht, warum die Zahlen sich immer wieder rückwirkend ändern: viele Meldungen erfolgen mit Verzögerung um einige Tage. Auffallend sind auch die "Wochenendeinbrüche", die keine epidemologischen Hintergründe haben, sondern arbeitsweltliche. 

Die leeren Spielplätze sind bedrückend. Rot-weiße Absperrbänder. Und zu denken, dass all die Kinder sich jetzt in ihren Wohnungen drängen - wie oft mit Nachbarskindern oder verwandten Kindern? Leere Tischtennisplatten - wie ansteckend ist Tischtennisspielen? Auch zuhause im Keller oder im Garten in den Vororten?

Spielfilm am Abend. Rechts oder links oben die Einblendung "#WirBleibenZuhause" bei den Privatsendern. Zuhause bleiben und zum Coach Potato werden? Mit welchen sozialen und psychischen Folgen? Sollte nicht verstärkt das sichere Draußensein "erzogen" werden statt eines stumpfsinnigen Zuhausebleibens? Wir gehen nicht in Theater und Konzert und Museen und Bibliotheken, wir bleiben zuhause bei RTL. Den Dekamerone wird jetzt keiner/keine neu schreiben, bei über 400 deutschsprachigen Programmen auf Astra 19.2 Ost interessiert das auch niemanden.

26.03.20 Videobotschaft des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zur "Corona-Krise". "Nur der Verzicht verhindert, dass wir dauerhaft verlieren, was wir lieben." Der Satz löst zwiespältige Empfindungen in mir aus, klingt falsch. Alle bisherigen Informationen sagen doch, dass wir die Infektionen nicht vermeiden, sondern nur hinauszögern, die Infektionskurve abflachen können, um die medizinische Versorgung mit künstlicher Beatmung zu sichern. Die medizinischen Informationen besagen aber auch, dass von den bei problematischen Verläufen invasiv Beatmeten Corona-Patienten etwa 80% versterben. Und dass die Überlebenden überwiegend unter erheblichem Verlust an Lebensqualität leiden, an Angstzuständen, Depressionen, chronischen Atembeschwerden. Die Behandlung zerstöre Lungengewebe. Aus Untersuchungen zu Intensiv-Beatmungspatienten in anderen medizinischen Kontexten ist bekannt, dass etwa 60% der Überlebenden bereits im ersten Jahr nach der Behandlung versterben. Schlittern wir mit der Corona-Therapie in eine intensivmedizinische Sackgasse? Der Verzicht verhindert, dass wir dauerhaft verlieren, was wir lieben??? Und wie soll es so zu einer Herdenimmunität kommen? Bleibt vor allem die vage Hoffnung auf einen Impfschutz, der in der Verzögerungsphase entwickelt wird.

Die Bahnhofsbuchhandlung - dem Backshop schräg gegenüber - im Hbf Karlsruhe ist noch offen. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

In der täglichen ARD-Corona-Sendung wird heute offen auch die Frage nach den Kosten der Einschänkungen thematisiert.

27.03.20 Am Nachmittag zurück von Karlsruhe nach Untergrombach ist die S-Bahn so voll, dass der Sicherheitsabstand schwer einzuhalten ist. Ein Mitfahrer erklärt mir, dass das jetzt jeden Freitag zum Wochenendfeierabend so sei, die KVV schaffe es nicht, noch einen Wagen anzuhängen.

28.03.20 In Internet-Foren wird jetzt gehäuft angemahnt, wer nicht zuhause bleibe, der gefährde Menschenleben. Bis hin zu Sätzen wie "das ist für mich wie Mordversuch!" wenn jemand eine Gruppe Jugendlicher gesehen hat, die in einem Park zusammenstehen. Niemand käme allerdings auf die Idee, angesichts der noch immer mehr als 3000 Verkehrstoten in Deutschland jährlich - dazu zahlreiche Schwerverletzte wie in der Folge querschnittsgelähmte und fürs ganze Leben gezeichnete Kinder  - davon zu sprechen, wer morgens in sein Auto steige, gefährde Menschenleben, sei gar ein potentieller Mörder!

In meinem lokalen Supermarkt die ersten Leute mit Mundschutz, ein mittelaltes Paar und eine ältere Frau. Allen dreien gemeinsam ist, dass sie ausgiebig die Waren studieren, auch in die Hand nehmen und zurückstellen, den Kopf ans Regal schieben, den vermeintlich "sicheren" Einkauf sichtlich so zelebrieren "wie früher". Die fatale Scheinsicherheit bei Schutzmaßnahmen, von Psychologen oft berichtet, hier war es frappierend ungeschönt zu sehen. Dabei sollte der Mundschutz vor allem andere schützen!

Das seit Wochen (wenn ich am Abend komme) leere Toilettenpapierregal ist mit Haushaltspapier gefüllt. Die Klärwerke werden sich über diesen Einfall nicht freuen! Haushaltspapier löst sich schwer auf, gehört in die Tonne, nicht in die Toilette.

29.03.20 Die Schweden gehen einen eigenen Weg, den ich teilweise respektabel finde. Kindergärten und Schulen bis zur 9. Klasse nicht zu schließen erspart Eltern und Kindern viele Qualen, berufliche Risiken und riskante Alternativsuchen. Restaurants und Einzelhandel offen zu halten dürfte mittelfristig die bessere Entscheidung gewesen sein, in Deutschland gehen zahllose Existenzen gerade in Scherben. Die erste 6-18 Uhr Regelung für Restaurants und klare Abstandsregeln in Restaurants und Einzelhandel (wie in Lebensmittelgeschäften) hätten ein Kompromiss sein können. Der schwedische Appell an Risikogruppen, zuhause zu bleiben, ist langfristig sicher sinnvoller als ein "bleibt alle zuhause". Aber dass bei aktut exponentiell ansteigenen Fallzahlen zum Lockdown gegriffen wird, ist doch verständlich und in Dänemark konnte man den Effekt unmittelbar sehen. Großveranstaltungen unter 500 Teilnehmern und Gruppenbildungen nicht zu untersagen, wie in Schweden, finde ich fahrlässig - aber da hat auch Deutschland Fehler gemacht mit Zögern und Salamitaktik.

31.03.20 In der Bahn sitze ich in einem sonst leeren Bereich. Da steigen in Durlach zwei junge Frauen ein, mit Pullis "Jugendfeuerwehr", eine setzt sich direkt Rücken an Rücken zu mir, um ihrer Freundin mit Abstand gegenüber zu sitzen. Als ich den Platz wechsle, registriert sie ihren Fauxpas und wechselt auch. Dann hustet sie, mehrmals. Immerhin in die Armbeuge, Maske trägt sie nicht. Ob nach Corona durch höhere Sensibilität und angepasstes Verhalten die Grippeinfektionen abnehmen? Wie lange aber wird das vorhalten?

Die Spielplätze sind inzwischen von den Jugendlichen erobert. Alleine oder zu zweit. Auf der Schaukel, auf den Bänken.

03.04.20 Bislang galt, von Merkel ausgegeben, eine Verdoppelungszeit von 10 Tagen für die Infektionszahlen als Indikator dafür, dass an eine Lockerung der Einschränkungen zu denken sei. Seit 18. März flacht die Kurve der täglichen Neuinfektionen deutlich ab, die 10-Tages-Frist dürfte noch vor Ostern erreicht sein. Und nun ist nicht mehr von 10, sondern, z.B. heute bei NRW-Gesundheitsminister Laumann, von 12 bis 15 Tagen die Rede.

Heute eine Irrfahrt mit der Bahn von Karlsruhe nach Untergrombach, weil von den Bahnen, die in Untergrombach anhalten, einige ausgefallen sind.

Deprimierende Stimmung. In Bruchsal am Hauptbahnhof überwiegend Obdachlose, Heimatlose, zwei verwirrte Frauen, die sich beim Umherirren begegnen und einander ihre seltsamen Botschaften zusprechen, zwei Monologe, die wieder auseiander gehen.

04.04.20 Jetzt wo Ostern vor der Tür steht mehren sich wieder die Aufforderungen, zuhause zu bleiben, von Günther Jauch etwa in den Bahnhofsanzeigen. Wie schon im ersten Video-Appell von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 16.03. wird unterschwellig darauf hingewiesen, dass, wer nicht zuhause bleibe, Leben gefährde. Doch wer so forciert das zuhause Bleiben anmahnt, der frage sich ganz ehrlich, ob er das auch täte, wenn er kein Haus mit Garten außenrum bewohnte, sondern eine Wohnung in einem Hochhaus.

Distanz ja, öfter zuhause bleiben, gebündelter (bezogen auf Erledigungen) weggehen, Leerräume nutzen und natürlich zuhause bleiben bei Verdacht, Quarantäne bei Infektion, ganz klar - aber grundsätzlich zuhause bleiben, das ist auf Dauer eine Forderung, die unwägbare Risiken birgt, für die seelische und auch die körperliche Gesundheit! Vom drohenden Kollaps des Wirtschafts- und Sozialsystems ganz abgesehen. Sicher müssen wir in Deutschland bald die Masken-Aversion ablegen. Und wer niest und hustet, der darf nicht in den öffentlichen Raum! Ich bin immer noch in der Bahn und draußen im Gelände mit Menschen konfrontiert, die ungeniert niesen und husten, ohne Mundschutz. Und ich muss immer wieder ausweichen, den Platz wechseln, weil jemand zu nahe rückt. Ich sehe keine Ordnungskräfte, die an das Distanz-Gebot erinnern oder Hustenden einen Info-Zettel in die Hand drücken.

05.04.20 Zwei irritierende Lektüren: Vom wissenschaftlichen Mitarbeiter der Uni Bremen für Mathematik, der am 25.03. mit 42 Jahren im Krankenhaus Heraklion an Corona verstarb, und vom Londoner Chirurgen, der trotz einer Quarantäne-Verordnung seines Arbeitgebers am 25.03. mit Ryan Air nach Potsdam flog und in seiner Zweitwohnung dort an Corona verstarb, seine Leiche wurde am 30.03. gefunden. Es ist skandalös, was im Flugverkehr in Deutschland noch möglich ist! Es scheint so gut wie keine Kontrollen zu geben, nicht einmal Körpertemperatur-Tests. Spektakulär auch die Fotos vor einigen Tagen aus einem überfüllten Passagierraum eines Binnenfluges.

Keine Kondensstreifen mehr am Himmel! Welch ein Gewinn an Lebensqualität, auch wenn uns jetzt öfter die seltsame Mitteilung erreicht, die Wetterprognosen würden ungenauer werden durch den Mangel an Flugverkehr! Immerhin hat noch niemand vermeldet, dass mit dem abnehmenden Autoverkehr eine Zunahme an Gelenkerkrankungen drohe (zu viel Bewegung ...).

06.04.20 Heute lese ich auf "tagesschau.de" von Oliver Neuroth einen Bericht zur günstigen Situation in Portugal (Stand 02.04.: 9000 Erkrankte, 209 Todesfälle) im Vergleich zum Nachbarland Spanien. Der Grund sei, neben portugiesischer Disziplin, das Alter der Gesellschaft, da die über 65jährigen in Portugal zahlreich seien und sich ohnedies überwiegend zuhause aufhalten. Die hohen Opferzahlen in Italien wurden ebenso begründet: Italien sei eine überalterte Gesellschaft und daher gebe es mehr Todesopfer.

Der Autozulieferer Webasto mit Sitz in Bayern sorgte bekanntlich für die ersten Corona-Fälle in Bayern. Eine chinesische Kollegin war zu einer Schulung in der Firmenzentrale, auf dem Rückflug am 23.01. habe sie ihre Infektion bemerkt. Die Erkrankungen von vier bayrischen Kollegen wurden am 28.01. bekannt. Der Autozulieferer Schaeffler, gleichfalls in Bayern ansässig, mit acht Werken in China und einem Logistikzentrum in Wuhan, hatte schon am 23.01. ein Reiseverbot nach China verhängt. Gewiss also waren es nicht nur die Skifahrer aus Südtirol, die Corona in Baden-Württemberg, Bayern und NRW so massiv installierten, sondern auch die Wirtschaftskontakte der Regionen nach China. Hier hat die Bundesregierung versagt, insbesondere bei der Kontrolle des Flugverkehrs. Den Karneval in Heinsberg als Beelzebub hinzustellen, ist nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Erklärungsbedürftig bleiben auch die hohen Zahlen im Saarland.

Im Supermarkt seh ich wieder ein älteres Paar mit Masken, er hat auch Handschuhe an und untersucht eine Kiste mit Kohlrabi, nimmt jede Kohlrabi in die Hand, weit über die Kiste gebeugt! Ob es wirklich zielführend ist, 'die Deutschen' zu Maskenträgern zu machen?? Da muss sich kulturell noch einiges ändern! Oder beobachte ich da nur eine 'süddeutsche' Spezialität? Ich gestehe, vor Corona habe ich auch manchmal wieder was zurückgelegt.

Ich finde endlich eine plausible Erklärung zur Situation in Italien im "Corriere della Sera", vom letzten dortigen Lehrstuhlinhaber für Virologie, Giorgio Palù: Zu rasch und zu häufig wurde in Krankenhäuser eingewiesen, dann von überfüllten Krankenhäuser in andere verlegt ohne ausreichende Sicherungsmöglichkeiten, zu wenig isoliert.

In den vergangenen Tagen wird zunehmend kritisch, teilweise mit Häme über Schweden berichtet, da auch dort die Todesfälle zunehmen und die Regierung unter Druck gerät, von Seiten einiger Medien und einiger Mediziner im Lande. Die Kurve der "Daily Increases" von der Johns Hopkins University zeigt jedoch für Schweden keinen wirklich signifikanten Unterschied zu Deutschland oder zum Nachbarland Dänemark, der sich durch rigiden Lockdown versus eingeschränkte Offenheit erklären ließe. Wohltuend unaufgeregt ist, was die "taz" am 5.04. zu Anders Tegnell, dem schwedischen "Staatsepidemologen", schreibt, der auf den Vorwurf, mit Schweden "ein Experiment" zu machen, antwortet, nicht Schweden, die anderen Staaten würden mit den erheblichen Freiheitseinschränkungen ein Experiment machen mit wesentlich schwerer zu kalkulierenden Risiken, auch für die Gesundheit.

Schweden und Italien: Beide Lehren müssen verstanden und verarbeitet werden - sobald sie überschaubar sind!

Bei der täglichen Sichtung des Covid-19-Dashboards des Robert Koch-Instituts klicke ich zum ersten Mal auf die Angabe der Alterskohorten-Infektionen pro 100.000. Dabei zeigt sich, dass mitnichten die mittleren Altersgruppen überdurchschnittlich oft infiziert sind. Die Gruppen 35-59 und 80+ weisen ähnliche Infizierten-Anteile auf, ebenso die Gruppen 15-34 und 60-79, wobei die Frauen der Gruppe 60-79 am wenigsten betroffen sind. Auffallend in der Gruppe der 15-34jährigen ist der etwas höhere Anteil von Frauen und in den Gruppen ab 60 der höhere Anteil von Männern. Ich vermute soziale Hintergründe.

07.04.20 Die Neuinfektionen in Deutschland steigen weiterhin nicht signifikant über 6000 am Tag. Es erstaunt daher nicht, dass immer lauter über den Ausstieg aus dem Shutdown diskutiert wird. Ähnliche Entwicklungen andernorts. Österreich verordnet erste Lockerung der Gebietsquarantänen, auch Tschechien lockert, beim Einzelsport. An der Börse gibt es laut "Handelsblatt" eine "Erleichterungsrally". Freuen sich schon die ersten auf die Gewinne bei der "Trümmerbeseitigung" (das Wort habe ich tatsächlich schon in den Medien gefunden)? Dann sollten sie nach Indien und in die USA schauen. Der Begriff "Erleichterungsrally" hat für mich das Zeug zum Unwort des Jahres.

Ein Freund berichtet von seiner Tochter, die mit einer Freundin und ihren insgesamt 5 Kindern auf einer Wiese am Waldrand bei Freiburg zum Spielen war. Zwei Jogger passierten und schimpften über das Corona-unsensible Verhalten. Und riefen die Polizei, die kurz darauf erschien. 500 Euro Bußgeld waren fällig. Als ich anderen Freunden davon erzähle, berichten sie von ähnlichen Erfahrungen in Freiburg. Nicht nur die Bundesländer, auch die Kommunen gehen unterschiedlich mit den Corona-Einschränkungen bzw. Verstößen um. Das Problem beginnt ja schon bei der Definition des Verstoßes. Ist eine Frauen-WG mit ihren gemeinsamen Kindern familienähnlich genug, um sich ungestraft im Außenbereich gemeinsam aufzuhalten? Für andere wird damit allerdings ein Signal gesetzt: Die dürfen das, warum wir nicht?

08.04.20 Mit 4003 Fällen bleiben die Neuinfektionen weiterhin weit unter der 10-Tages-Schwelle. Die Zahl der neu Genesenen nähert sich der Zahl der Neuinfektionen!

Föderalistische Paradoxien werden aus Ulm/Neu-Ulm berichtet: In Bayern ist Ausgehverbot, aber die Eisdielen sind zum Straßenverkauf geöffnet. In Baden-Württemberg gibt es kein Ausgehverbot, aber die Eisdielen sind geschlossen. Folge unterschiedlicher Ideologien. Wie bringt man die Leute dazu, weniger auf die Straße zu gehen. Bayern sagt: Verbieten. Baden-Württemberg sagt: Nudging, Eisdielen zumachen.

Seit Samstag Motorradlärm, Osterferien! Und mir scheint, so aggressiv wie noch nie, als führte der Corona-Frust den Gasgriff. Die üblichen Motorradfahrer-Herdentreffen sind ja untersagt, Biker-Treffs geschlossen. Es sind weniger unterwegs - aber diese umso lauter, sind es die besonders Rücksichtslosen? Oder höre ich sie nur genauer?

Auf einem Plakat eines bekannten Saft-Herstellers: "Wir danken allen, die diese Plakat nicht lesen." Aha. Dankt der Safthersteller also nicht: Seinen Mitarbeitern, die trotz Corona zur Arbeit kommen. Den Auslieferern seiner Säfte. Den Verkäufern seiner Säfte. Den Käufern seiner Säfte. Oder produziert der Saftproduzent wegen Corona nicht mehr? Mitnichten, auf seiner Website ist zu lesen "Voll im Saft. Wir produzieren weiter!" Aha. Nun ja, frisches Obst und selbst gepresster Saft sind eh besser - und nachhaltiger - als die Konfektion dieses - und anderer - Produzenten. Zuhause bleiben und selbst pressen, genau, das tun wir!

Trump kritisiert Schwedens Corona-Politik. Er versucht, sich als Corona-Meister zu profilieren. So peinigend, den Präsidenten eines der wichtigsten Länder des Planeten zu erleben, wie er sich selbst permanent als infantile, narzistische Dumpfbacke vorführt. Dass Trump gegen Herdenimmunität lästert ist verständlich: Ihm genügt seine individuelle Immunität, mit "Herde" verbindet ein anständiger Cowboy das Rindvieh. Und macht sich im gegebenen Falle damit selber zu solch einem.

09.04.20 Während in Italien und Deutschland die (erfassten) Neuinfektionen zurück gehen, steigen sie sowohl in Schweden (locker) als auch in Dänemark (streng) weiter an, laut den Daten der Johns Hopkins University. Es gilt bei Corona mehr denn je: die (medial verbreitete und handlungsbestimmende) Wirklichkeit ist das, was gemessen wird. Ein Land könnte, um ein extremes Beispiel zu nennen, seine Neuinfizierten-Zahlen drücken, indem es nicht mehr diejenigen testet, die einen Husten und Fieber haben, sondern diejenige, die einen Schnupfen haben und über Kopfschmerzen klagen. Natürlich wäre das unsinnig, verwerflich und vor der Öffentlichkeit kaum geheimzuhalten, aber in abgemilderter Form waren und sind die bislang veröffentlichten Zahlen nur grobe Annäherungen und abhängig von der Zahl der Tests und den angewendeten Prinzipien bei der Auswahl der zu Testenden bzw. dem Zugriff auf die Infizierten. Die in Island durchgeführte  Random-Choice-Testung ("repräsentative Stichprobe") von deCode Genetics hat das, nach dem bisherigen Wissensstand keineswegs verblüffende, Ergebnis erbracht, dass 50% der Corona-Infizierten - zumindest in Island - nichts von einer Erkrankung mitbekommen. Und die niedrige Todesrate in Deutschland sei nach Medienberichten u.a. auf die breite Testung zurückzuführen, die eine "statistische Verzerrung" mit sich bringe (wobei eher die Ergebnisse der Länder mit geringerer Testdichte "verzerrt" zu nennen sind).

In Bayern galoppieren die Neuinfizierten-Zahlen seit Anfang April im Vergleich mit BW und NRW davon, trotz Ausgehverbot. Was ist (war ab Ende März) da los? Wird mehr getestet? Rebound-Effekte des Ausgehverbots?

Der verhalten sich bei uns artikulierende Optimismus (siehe u.a. den Bericht des Virologen Hendrik Streeck, der den "Fall Heinsberg" untersuchte) darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass in den USA, in Indien und andernorts gravierende soziale Katastrophen drohen.

Auf dem Friedhof in Untergrombach eine Beerdigung. Die Trauergäste weit verstreut im Corona-Abstand. Eine Szene wie aus einem Fellini-Film.  Aber jenseits der Ästhetik schmerzlich traurig.

10.04.20 Jürgen Habermas: "So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, gab es noch nie." (Interview in der Frankfurter Rundschau) Die beiden wichtigsten Banalitäten, die zur "Corona-Krise" zu sagen sind - mit einem obligaten Fragezeichen hinter dem "nie".

11.04.20 Neuinfektionenzahl bundesweit gehen weiter zurück, der Trend ist nun stabil seit etwa 18. März mit dem ersten signifikanten Abflachen des Anstiegs. Ein Oberverwaltungsgericht hebt Strandverbot in Mecklenburg-Vorpommern als unverhältnismäßig auf. Allerdings gilt das nur für Einheimische. Die Rückkehr der Grenzen hat mit Corona den Bereich der Kleinstaaten erreicht. Kommunale Grenzen sind bislang noch nicht neu aufgerichtet, aber bei manchen gedeiht schon das Unbehagen, mit dem "falschen" Autokennzeichen unterwegs zu sein in "fremdem" Stadtgebiet.

"Jeder von ihnen hat Menschenleben gerettet", so Frank Walter Steinmeier in seiner Osteransprache, nur durch das Zuhausebleiben. Welch seltsames Pathos, welche Umwertung aller Werte. Trump bastelt unterdessen sein Image um zum Corona-Helden, der gleich tausende von Leben gerettet habe, "we're the ones that kept China out of here" - seit dem 25. März wird er nicht müde, dies zur Kaschierung seines Versagens vorzutragen.

12.04.20 Ostersonntag mit dem Fahrrad am Rhein. Unterwegs Plakate der Stadt Bruchsal "Wir gegen Corona", unter anderem eines mit dem Appell "Wir bleiben im Nest", Störche zeigend. Störche, das sind Zugvögel die verhungern, wenn sie im Nest bleiben. In der Psychologie nennt man das "Double Bind", was derzeit pädagogisch exerziert wird. Mama Obrigkeit sagt: Zuhause bleiben. Papa Mediziner sagt: Bewegung, Sorge für die seelische und körperliche Gesundheit, auch durch Ausflüge, sind notwendig. Ganz abgesehen davon würde die Gesellschaft unverzüglich zusammenbrechen, würden tatsächlich alle im Alltag diesem "Wir"-Appell folgen.

Durch Allgemeinverfügung der Gemeinde Eggenstein-Leopoldshafen darf das Rheinufer zwar besucht werden, doch ist das "Verweilen" untersagt. Ein Polizeifahrzeug patrolliert und Leute die sitzen werden angesprochen. Es gilt: Immer in Bewegung bleiben. Das letzte Mal, dass Verweilen so verteufelt wurde, war bei Goethe: "Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen ..." Klar, hier sollen Gruppenlager unterbunden werden - aber erreicht wird, dass die Leute sich auf dem Promenadenweg öfter begegnen, der Bereich der Uferböschung und die Bänke ungenutzt bleiben. Und Gruppenlager gab es dort auch vor Corona selten, und mit "Verweilen" hatten die weniger zu tun, mehr mit trinken, rauchen und laut Musik hören. Wie wäre es mit einem Rauch- und Alkoholverbot in der Öffentlichkeit als Corona-Maßnahme?

Wohltuender Corona-Nebeneffekt: Es waren kaum Motorräder zum Rhein unterwegs und auf dem Rhein lärmten keine Jet-Ski-Recken. Aber warum benötigen wir eine derart dramatische Ausnahmesituation, um für etwas mehr Lärmverzicht und Rücksicht im öffentlichen Raum den Rahmen zu schaffen?

13.04.20 Und jetzt wird Trump noch zu dem, der gegen Fauci die USA vor Corona gerettet habe. So peinlich, so durchschaubar - und er wird durchkommen damit! Und er wird Obama-Care als Trump-Care neu erstehen lassen aus den Trümmern, die er selber geschaffen hat.

"Journalismus in der Krise: die fünf Defizite der Corona-Berichterstattung" - Beitrag vom 09.04.20 in "Meedia" von Klaus Meier und Vinzenz Wyss. Klingt ähnlich wie schon die Kritik an der Berichterstattung zur "Flüchtlingskrise", mit dem Tenor, dass der Journalismus zu staatsnah, propagandistisch und unkritisch, zu fokussiert auf bewegende Einzelschicksale ohne Frage nach der Repräsentativität blieb. Zu lange der Verantwortungsethik verpflichtet, nach Auffassung der beiden Journalismusforscher, zu wenig der (journalistischen) Pflichtethik.

14.04.20 Im Deutschlandfunk äußerte sich der Palliativmediziner Matthias Thöns am 11.04.2020 zur falschen Prioritätensetzung in der Behandlung kritischer Corona-Fälle, die "sehr einseitige Ausrichtung auf die Intensivbehandlung". In Italien seien nur 3 von 2.003 Todesfällen bei Patienten ohne Vorerkrankung eingetreten. Es handele sich bei den schwer erkrankten Covid-19-Betroffenen "meist um hochaltrige, vielfach erkrankte Menschen", die üblicherweise palliativmedizinisch behandelt würden und nun zu Intensivpatienten werden. Vielfach werde eine extrem leidvolle Behandlung durchgeführt, die den Tod um einige Tage hinauszögere oder in Schwerstbehinderung münde - bei zusätzlicher hochgradiger Gefährdung des medizinischen Personals. "Es werden alle ethischen Prinzipien verletzt, die wir so kennen." Ich wünschte mir, dass der Bundespräsident diese Tatsachen auch in seinen Ansprachen reflektierte.

Seit einigen Tagen überwiegt die Zunahme der Genesenenzahl die Zunahme der Infiziertenzahl. Allerdings kann es sich dabei um eine statistische Verzerrung durch die Feiertage handeln mit weniger Laboruntersuchungen. Es ist ja regelmäßig seit Beginn der Aufzeichnungen ein erfassungssystemisch bedingter Rückgang der Neuinfiziertenzahlen an den Wochenenden zu registrieren.

Am 31.03. betrug die Zahl der (seit Beginn erfassten) Covid-19-Fälle 61.913, heute, am 14.04., 125.098 Fälle. Eine Verdoppelungszeit von 14 Tagen ist erreicht! Ein großer Erfolg. Interessiert das irgend jemanden? Stattdessen weiter Katastrophenstimmung.

In Schweden steigt die Zahl der Toten im Zusammenhang mit Corona auf den - relativ zur Einwohnerzahl - doppelten Wert gegenüber Dänemark. Was allerdings, vergleicht man die Sterbeziffern von Deutschland im Bezug zu Frankreich oder Schweden, wenig besagt. Überhaupt sind diese ganzen Zahlvergleiche, mit denen wir aktuell konfrontiert werden, wenig gehaltvoll und tragen gespenstisch wettbewerbliche Züge. Teilweise im Duktus der Börsennachrichten.

15.04.20 Ich musste in den Baumarkt, was am Schuppen ist zu reparieren. Eine schockierende Erfahrung. Ich fuhr 13:30, in Erwartung, dass die Handwerker ihre Mittagspauseneinkäufe erledigt und die Anderen noch mit Mittagspause zu tun haben. Welch ein Irrtum. Der Parkplatz war voll! Als seien alle versammelt, die mal wieder was anderes einkaufen wollten als Lebensmittel und Medikamente. Am Eingang ein Schild, dass das Betreten in Gruppen untersagt sei. Drinnen standen an einem Infostand 6 Mitarbeiter als Gruppe zusammen. Unter den Kunden verhielten sich viele so, als gebe es keine Abstandsregel, trotz regelmäßiger Durchsagen. Ich hatte den Eindruck, der einzige zu sein, der Abstand hielt bzw. auswich, wenn jemand zu nahe kam. Keine älteren Menschen. Baumärkte haben sicherlich schon strukturell eine jüngere Besucherschaft, ein bisschen wirkte das Getreibe wie eine Parallelgesellschaft, in der Corona keine Rolle spielt. Jung, unverletztlich. Filmreif, grotesk angesichts der Schilder überall und der Durchsagen.

Die Entscheidung ist gefallen, die Schulen bleiben erstmal zu. Söder hat sich gegen Merkel durchgesetzt, die Helmholtz-Gemeinschaft gegen die Leopoldina. Und da lobt Söder die "stahlharten Nerven" von Merkel. Hat Bayern nicht mit seinen Fall-Zunahmen in den vergangenen Tagen "bewiesen", dass die besondere Strenge nichts bringt? Da wird jetzt argumentiert, Bayern habe seinen Höhepunkt noch vor sich, während NRW ihn schon hinter sich habe - weil der Karneval in NRW für einen frühen Anstieg gesorgt habe. Aber Bayern hatte seine Autozulieferer mit China-Kontakten und den ersten Infektionen schon vor dem 23.01. - da war der Karneval in Heinsberg noch fern, und Ischgls Après-Ski auch!

Wir experimentieren alle. Schweden riskiert mehr Tote in hohem Alter und bei Gesundheitsproblemen, wir riskieren den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Vernichtung zahlloser Selbständigen-Existenzen sowie eine massive allgemeine wirtschaftliche Depression. Aber die jetzige Entscheidung ist nachvollziehbar. Schulen und Läden gleichzeitig wieder aufzumachen (natürlich mit Abstandssensibilität) hätte entweder, wenn die Infektionszahlen nicht wesentlich nach oben gegangen wären, nahegelegt, dass der Lockdown zu rigide war. Oder aber es hätte einen zu massiven Anstieg gebracht. Beides unerfreulich für die Regierungen, letzteres für alle. Also erstmal mit einem beginnen. Klug. Pädagogisch und gesellschaftlich allerdings problematisch.

17.04.20 Am Michaelsberg tummeln sich große Gruppen von Jugendlichen. Lautstark und kontaktfreudig. Auch "Normalbesucher" sind in einer Anzahl und Enge da, die den normalen Museumsbesuch weit in den Schatten stellt. Der Parkplatz ist voll mit Autos, wir suchen mit den Rädern rasch das Weite.

Die elfjährige Tochter von Freunden nennt Jugendliche "Risikogruppe", weil die sich oft nicht an die Abstandsregeln halten. Sie hat den Begriff im Corona-Zusammenhang aufgeschnappt und auf ihre Weise interpretiert. Zur fortdauernden Schulschließung meint sie: "Das geht doch nicht, man kann doch vor Corona nicht weglaufen!"

Zur Schulsituation in Schweden siehe den Erfahrungsbericht der MDR-Redakteurin Christiane Luft: https://www.jumpradio.de/thema/corona/tagebuch-der-schwedische-weg-einundreissigster-maerz-100.html

19.04.20 Heute bin ich zum ersten Mal länger mit Atemmaske unterwegs, im ÖPNV und teilweise auch draußen beim Umsteigen, weil ich das häufige Auf- und Absetzen lästiger finde als das Belassen. Ich gewöhnte mich erstaunlich rasch an das Ding. Auffallend, wie wenige damit unterwegs sind in Karlsruhe. Ich hatte den Eindruck, dass mehr Leute auf Abstand achten wenn ich die Maske trage als ohne.

Ich mache mir große Sorgen angesichts der brisanten Gemengelage von anhaltenden politisch-militärischen Krisen, weltweiten Versorgungskrisen, Flüchtlingsdruck und Corona. Jetzt beginnt Trump noch ein widerliches Propagandafeuer gegen China um von seinem Versagen in den USA abzulenken.

Das RKI hat seine Graphik zu den Covid-19-Fällen ergänzt um "Erkrankungsdatum". Die neue Graphik zeigt (suggeriert?), dass exakt mit der Schulenschließung am 17. März der Anstieg gestoppt wurde. Darunter steht "Mär" (für "März"), ob es eine ist? "Erkrankungsbeginn" ist eine problematische Größe. Sie orientiert sich an den Angaben des Patienten oder des Arztes zur Symptomatik. Da die Symptome zeitlich verzögert nach der Infektion kommen, würde die neue Graphik besagen, dass schon vor der Schulenschließung die Infektionen zurückgingen. Und was bedeutet dies für den Sinn der Schulenschließung? Es gibt noch viele Rätsel um Covid-19 zu lösen. Eine wichtige Statistik wäre auch die zur Zahl der durchgeführten Tests nach Tagen.

Die "normale" Grippewelle endete in diesem Jahr früh - das wird zurückgeführt auf die Schulenschließung, da für diese Grippe(n) Kinder die Hauptüberträger sind (anders als bei Corona).

20.04.20 Meine Nachhilfeschülerin in Mathe bekommt nun von der Klassenlehrerin Aufgaben mit der nachdrücklichen Anmerkung, die Bearbeitung sei "freiwillig". So lautet die Anweisung des Kultusministeriums: Es dürfe kein neuer Stoff eingeführt werden und die Aufgabenlösung sei freiwillig! Aus Gerechtigkeitserwägungen, denn was ist mit den Kindern, die keinen PC zu Hause haben und keine Internet-kompetenten Eltern? Willkommen im Zeitalter des double bind. Ferien seien das aktuell nicht, Schule solle online stattfinden - aber ohne Verbindlichkeit. Gearbeitet werden soll/muss schon noch und Bewegung und Lebensfreude zur Erhaltung des Immunsystems sollen auch sein - aber zuhause bleiben. Klimaerwärmung und Insektensterben erfordern sofortiges Umlenken - aber das Bruttosozialprodukt muss wachsen. Haben wir nicht schon längst eine sanfte Form des Doublespeak von George Orwell erreicht? In besten Absichten, auch bei der Flüchtlingsthematik, wo jede positive Maßnahme die Zahlen ansteigen lässt, negative Maßnahmen vor der Menschlichkeit nicht bestehen können? Wo unschöne Wahrheiten der falschen Seite in die Hände spielen?

Von Jena lernen. Klare Ansagen, rational begründet, konsequentes und gewichtetes Vorgehen. Und von Schweden lernen: Abwägen, nüchtern bleiben. Merkel dagegen droht schon mit dem nächsten Shutdown. Die angeblich rationale Wissenschaftlerin ist die - ganz "sachliche" - Sorgenmacherin Nummer 1. Wir dürften uns "keine Sekunde in Sicherheit wiegen", erklärt sie am 20.04., und spricht wiederholt vom "Anfang dieser Pandemie". Und alles in Blau, Blau ist die Corona-Farbe in Deutschland.

Ich war heute wieder mit Maske in der Bahn und beim Umsteigen unterwegs. Eher einsam. Seltsamerweise fühlte ich mich sicherer mit Maske. Obgleich ich weiß, dass Masken in der Regel wenig zur individuellen, mehr zur allgemeinen Sicherheit beitragen. Inzwischen gibt es keine irritierten oder amüsierten Blicke mehr. Manche Leute scheinen die Nähe von Maskenträgern zu suchen - ob sie sich da selbst sicherer fühlen oder ob sie denken, bei einem Maskenträger muss ich keinen Abstand halten? Manche allerdings machen einen größeren Bogen. Ob sie denken dass ich infiziert sei oder ob sie respektieren wollen, dass ich mir besondere Mühe zur Infektvorbeugung gebe? Ist der sozialpsychologische Effekt (uns an die Sondersituation erinnern, die Aufmerksamkeit wach halten) bei Masken wichtiger als der medizinische?

21.04.20 Beständiges Drohen mit der "zweiten Welle". Statt sachlich mit dem weiter bestehenden Infektionsrisiko zu argumentieren und Masken-/Tuchpflicht in Risikosituationen (ÖPNV, Arztbesuch, Einkauf) konsequent bundesweit einzuführen. Die aktuell 1.800 Toten in Schweden werden in den Medien anschwellend als "Preis'" der schwedischen Liberalität im Umgang mit Corona gewertet. Aber was ist mit den 17.000 in GB, den 21.000 in Frankreich, den 25.000 in Italien? n-tv, nicht gerade bekannt für soliden Journalismus, titelt "Neunmal mehr Tote als Norwegen. Schwedens Sonderweg ist teuer erkauft". Man muss nur die passenden Vergleichszahlen finden, dann lässt sich alles "beweisen". Wie wäre es mit: "Weniger als halb so viele Tote wie in Italien, Spanien oder Belgien. Schwedens Sonderweg zahlt sich aus."

22.04.20 Heute zum ersten Mal eine massive Schwemme von Fatalismus, die mich durchflutete. Ich war nochmal im Baumarkt und die Stimmung war gedrückt, bei den Angestellten und bei den Kunden. Corona wird uns verändern, wird auch Mentalitäten verändern. Wie soll das weitergehen ohne Herdenimmunität oder Impfstoff, ein Leben mit angezogener Handbremse? Allerdings gibt es Hinweise, dass Corona sommerliche Temperaturen nicht mag. Vielleicht verschwindet es auch einfach, wie SARS 2002/03? Dagegen spricht die hohe Zahl weltweit verteilter Infizierter. Aber die Hoffnung bleibt. Die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und psychosozialen Folgen werden ohnedies drastisch, auch wenn die Pandemie im Sommer abklingen sollte.

Wie es sein wird, wenn kommende Woche alle Masken tragen? Heute im Baumarkt wieder das Phänomen, dass viele Maskenträger nicht (mehr?) auf Abstand achten! Vorbild Asien, da sieht man die Leute in den Medienbildern ja auch eng beieinander im Gedränge mit Masken.

23.04.20 "Guten Morgen, Corona" - jeden Tag nach dem Einschalten des Computers der Blick auf die Tabellen und Graphiken des RKI. Auffallend schon seit gut 10 Tagen die grüne Zahl der gemeldeten Genesenen des Vortages: sie liegt nun konstant über der Zahl der neu gemeldeten Infizierten! Was bedeutet: Die absolute Zahl der Infizierten geht zurück.

Von der Tagesschau heute morgen die Meldung zweier Berechnungspannen zur "Herdenimmunität" in Schweden. Offensichtlich liegen die Nerven blank unter dem Druck der weltöffentlichen Meinung, die Schwedens liberalen Weg misstrauisch beäugt. Die Zahl der Corona-Todesfälle in Schweden liege um den Faktor Drei über der in Deutschland. Damit aber im europäischen Vergleich immer noch so, dass der Wert keineswegs ein Versagen des liberalen Weges zeigt. Wenn man sich denn auf die Zahlenvergleiche einläßt. Dann sollte man aber auch damit rechnen, dass die Immunität in Schweden dreimal so hoch ist wie in Deutschland. Und dass wir uns hier zu Recht Sorgen wegen der erwartbaren zweiten Welle machen, da wir entsprechend weniger Immunität haben.

Die Bundeskanzlerin mahnt gegenüber den Ministerpräsidenten den Schutz von Leben und Gesundheit an. Was glaubt sie denn, was die von ihr bevorzugten strengen Maßnahmen für Leben und Gesundheit bedeuten? Großzügig ist die Kanzlerin im Verteilen von Geld als Corona-Ausgleich. Wie soll aber das Geld erwirtschaftet werden, das sie der Wirtschaft und den ärmeren europäischen Ländern in Hülle verspricht? Ist sie schon in Bernau/Wandlitz angekommen, hinterm Gartenzaun? Ich spüre, wie der Fatalismus von gestern in Wut umschlägt. Aufgepasst!

In Schweden gehen die Aufnahmen in Intensivstationen und die Todesfallzahlen zurück - und zwar einem Kurvenverlauf folgend, der seinen Höhepunkt (geglättet) um den 11./12. April hat. Eine entsprechende tagesbezogene Graphik zu Deutschland finde ich nicht, nur eine Graphik zum Anstieg der Gesamtzahl der Toten.

Corona Todesfälle Schweden

Ein ganz gewichtiges Problem für manche Politiker: Wann geht es weiter mit der Bundesliga? Bald, da sind sich Laschet und Söder einig! Vielleicht hat Merkel doch Recht mit ihrer Ministerpräsidenten-Schelte. Sie sollte aber klarer sagen, was sie meint, nicht stets so allgemein bleiben.

24.04.20 Lars Schade (RKI): "Die Fallzahlen müssen auf wenige hundert pro Tag sinken, damit über weitere Lockerungen nachgedacht werden kann." Siehe dazu aber die Todesfallzahlen im Weltvergleich, relativ zur Einwohnerzahl, mit Schweden (das von Beginn so etwa eingeschränkt hat, wie bei uns nach Lockerung geplant ist) zwischen den Niederlanden und der Schweiz, Deutschland in vergleichsweise sehr guter Position:

Corona-Todesfälle weltweit

Aber ist das ein Erfolg, den die deutsche Politik sich verdient hat? Die deutsche Politik hat versagt bei der Grenz- und Flughafenkontrolle zu Beginn der Pandemie, sie hat versagt bei der Bereitstellung von Masken für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, hat versagt bei der Testung von Ärzten und Pflegepersonal. Dafür hat sie die Kinder weggesperrt und das öffentliche Leben lahmgelegt. Die meisten der Alten und Kranken, die sich aktuell noch an Corona anstecken, stecken sich im Krankenhaus, in der Pflegeeinrichtung, beim Fahrdienst zur Dialyse und ähnlichen Einrichtungen an - nicht bei bösen, unachtsamen Enkeln. Funktioniert hat das deutsche Gesundheitssystem - das seit Jahrzehnten von der Politik systematisch seiner Stärken beraubt wird - mit Hausarztstruktur und Krankenhausvielfalt. Wo - wie in Italien - die Corona-Infizierten sofort ins Krankenhaus kamen und/oder die Schutzausrüstungen in Krankenhaus und Pflege defizitär waren, hat sich die Pandemie besonders massiv und kurzfristig ausgebreitet.

Der wichtigste Schlüssel zur Klärung, weshalb die Todesraten so unterschiedlich hoch sind, dürfte nicht im Grad des Lockdowns liegen, sondern in der Struktur des Gesundheitssystems und in kulturell geprägtem Alltagsverhalten.

27.04.20 Die Tagesschau berichtet aus Singapur. Explosionsartig seien die Zahlen der Corona-Infizierte gestiegen. Doch 90% der Infektionsmeldungen von gestern entfielen auf die eng gepferchten Unterkünfte von Wanderarbeitern - und unklar ist, wieviele der verbleibenden 10% damit im Kontext stehen. Trotzdem nimmt die Tagesschau dies zum Anlass, vor allzu raschen Lockerungen in Deutschland zu warnen. Sie sollte eher vor sozialen Schieflagen bei Aufrechterhaltung der strengen Maßnahmen warnen. Die einen spielen Tischtennis im Garten und lernen über Videokonferenzen oder mit Eltern/Freunden, die anderen langweilen sich, verstehen die Aufgaben nicht und schauen RTL. Und Tausende von Existenzen stehen vor dem Nichts. Während Daimler, Lufthansa & Co. in großem Stil Steuergelder abfischen gehen - und dafür ein paar Masken häkeln, von Kretschmann & Co. applaudiert.

Die aktuellen Zahlen aus Schweden: 18.640 Infektionsfälle, 1.315 Infizierte auf Intensivstation, 2.194 Todesfälle. Auf den Intensivstationen liegen 345 Frauen und 970 Männer - ein Befund, der schon öfter mal auftauchte, dass Männer stärker betroffen seien. Sowohl die Einlieferung auf Intensivstation als auch die Todesfälle gehen in Schweden seit 14/10 Tagen beständig zurück - mit einem nachösterlichen kurzfristigen Anstieg bei den Zugängen zu den Intensivstationen. Das lässt sich nicht mit der geringen Bevölkerungszahl Schwedens wegargumentieren. Hier sehen wir einen epidemiologischen Befund, der von Anders Tegnell auch erwartet wurde. Was nicht heißt, dass er alles richtig gemacht/angeraten habe. Doch Aussagen wie "ich würde Skifahren gehen" (Cicero-Interview am 26. März) wurden in den meisten Medien manipulierend zitiert. Unterschlagen wurde, dass er anfügte, dabei nicht in vielbesuchte Restaurants oder Bars zu gehen und keine verschließbaren Gondeln zu benutzen mit mehreren Menschen auf engem Raum für längere Zeit. Alle Schweden-Kritiker sollten unbedingt dieses Interview lesen! Dort schreibt Tegnell u.a., dass er ein Abflauen im Sommer erwarte aber ein Wiederaufflackern im Herbst. "Wenn genug Menschen immun geworden sind, wird im Herbst womöglich nichts passieren. Wenn es nach dem Sommer noch viele gibt, die für das Virus empfänglich sind (ich ergänze: z.B. im Musterländle Deutschland), wird es die nächste Welle geben."

Es ist erstaunlich, was gerade unter dem Stichwort "zweite Welle" an Befunden kursiert. Laut einer Studie von Kathy Leung, Joseph T. Wu, Di Liu, Gabriel M. Leung sei bei einer Lockerung der Eindämmungsmaßnahmen mit einer Verzehnfachung der Fallzahlen zu rechnen. Bezogen auf Deutschland müssten wir also bei aktuell 5.750 Todesfällen mit 57.500 Todesfällen rechnen. In Schweden, das diese "Lockerung" von Anbeginn hatte, haben wir aktuell 2.194 Todesfälle. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl entsprächen dem 17.552 Todesfälle in Deutschland. Sind die 30.000 simulierten Todesfälle mehr nun eine Folge der Einschränkungen bei der ersten Welle? Rätselhafte Modellrechnungen, die an die Fehlprognosen bei der Schweinegrippe (u.a. von Christian Drosten) erinnern, die Wolfgang Wodarg von der SPD damals kritisch hinterfragte.

In den USA kommt Lockdown-Kritik aus dem rechten Lager. Denn Corona gefährde Trumps Macht, analysiert ein Beitrag in "Cicero" vom 27. April.

28.04.20 Nicht nur Bayern, auch das Saarland hat strenge Corona-Ausgangsbeschränkungen. Nun hat der Verfassungsgerichtshof des Saarlandes diese als nicht mehr begründet beurteilt - auf die Klage eines Bürgers hin.

Von einer Schulrektorin die Information, dass bis zu den Sommerferien nicht mehr mit normalem Schulunterricht zu rechnen sei! Und nach den Sommerferien? Da kommt dann die vielbeschworene zweite Welle, die Herbstwelle! Aber bis dahin ist das Schwedische Modell ausgewertet und wir wissen auch sonst mehr.

29.04.20 Sitzungen mit drei Meter Abstand, Videokonferenzen, Online-Lernen der Kinder, weiter geschlossene Freizeiteinrichtungen. Relevante Lockerungen sehe ich nicht, nur dass der Einzelhandel wieder Umsätze machen darf. Wie der Schulunterricht mit jederzeitiger Schließungsdrohung, wenn eine Mutter an Corona erkrankt, exorbitanten Hygiene- und Abstandsregeln funktionieren soll, kann ich mir noch nicht vorstellen. Aber versucht werden muss es und wir bekommen jetzt die nächsten Helden: die Rektorinnen und Rektoren sowie die Lehrkräfte, die das stemmen sollen! Wovon viele Lehrer und Eltern schon immer träumten, halb so große Klassen, jetzt wird es Wirklichkeit - allerdings unter widrigen Umständen. Dennoch: vielleicht gibt die Corona-Erfahrung auch einen längst überfälligen pädagogischen Impuls! Und zwar nicht nur zur Digitalisierung.

Heute waren wir zum ersten Mal einkaufen, seitdem die Masken-Regelung in BaWü gilt. Im Baumarkt wars wesentlich ruhiger als in der Zeit, als die anderen Einzelhändler noch nicht aufmachen durften. Insgesamt fand ich die Atmosphäre angenehmer als vor Einführung der Maskenpflicht. Sind mir vorher einzelne Maskenpioniere unangenehm aufgefallen durch eher achtloses Verhalten, schiebt sich heute allerdings ein Drängler in die Reihe, der zur Maske auch noch Handschuhe trägt. Im Stil von "ich bin Arzt, lassen sie mich hier durch!".

Wolfgang Schäuble und Boris Palmer sagen Ähnliches zum Grundrecht auf Leben im Kontext der Corona-Maßnahmen, dass es nicht absolut gesetzt werden dürfe. Der eine wird dafür gelobt, der andere geprügelt. Der eine ist 77, der andere 47. Palmer hatte seine Meinung allerdings auch weit drastischer formuliert: "Wir retten in Deutschland Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären." Dies im Kontext, dass die Einschränkungen durch die Corona-Maßnahmen eine Weltwirtschaftskrise nach sich zögen, in deren Gefolge zahllose Kinder verhungern würden. Schäuble und Palmer können sich auf eine Position berufen, die in Deutschland vor allem von Palliativmedizinern (u.a. Matthias Thöns) und Pathologen (u.a. Klaus Püschel) vertreten wird, wonach die Mehrzahl der Corona-Toten auch ohne Corona-Infektion aufgrund ihres allgemeinen Gesundheitszustandes absehbar bald verstorben wären.

30.04.20 Die Corona-Infektionsentwicklungen erinnern mich an Pilzkrankheiten bei Weinreben: Verpasst du (im Bioanbau) den richtigen Zeitpunkt für die ersten Spritzungen gegen Peronospera oder Oidium, rennst du in der Folge der Entwicklung nur noch hinterher und kannst auch mit den umfangreichsten Maßnahmen nur kleine Verbesserungen erreichen und musst ansonsten auf günstiges Wetter hoffen.

Bei den Daten aus Schweden fällt auf, dass die Zahlen der Neuinfektionen nicht den Rückgang abbilden, der bei Intensivbehandlungen und Todesfällen zu beobachten ist. Werden nun häufiger als zu Beginn (als Schweden eher restriktiv testete) leichte Verläufe durch Tests erfasst?


Corona

Man sitzt nur zuhaus
und kommt nicht mehr raus.
Die Stimmung ist hin,
Ich kratz mich am Kinn.

Ich sitz am Lehrbogen,
die Laune verflogen.
Mach Facetime und Co.,
und langweil mich so.

Die Freunde sind weg,
ach was für ein Dreck.
Ich träum schon von Schule,
ach Domi, du Coole!

(Carla, 11 Jahre - "Domi" ist die unter den Schülern gebräuchliche Abkürzung für ihr Gymnasium)


01.05.20 Absurderweise kommt es in journalistisch eher substanzlosen, aber breitenwirksamen Medien wie dem Nachrichtenportal von "web.de" weiterhin zu Schlagzeilen wie "Schweden in der Coronakrise: Die Todesrate steigt - muss das Land seinen Weg nun anpassen?" (aktualisiert am 30. April 2020, 16:20 Uhr). Die "Todesrate" (eine hier höchst erklärungsbedürftige Kategorie) steigt in allen Ländern, da weiterhin Menschen an Corona oder mit einer Corona-Infektion sterben. Der erste Satz ist also eine Nullaussage. Fakt ist, dass die Kurve der Corona-assoziierten Todesfälle pro Tag in Schweden seit 12. April (geglättet) signifikant sinkt. Siehe Stand vom 30. April auf der Website des schwedischen "Folkhälsomyndigheten":

Todesfälle Schweden 30.04.2020

Und das, wie web.de die Süddeutsche zitiert, bei weitgehender Rückkehr zur Normalität. Wobei auch diese Information nur mit Vorbehalt rezipiert werden sollte. Ein Konnex der sinkenden Todesrate könnte gesehen werden mit dem - auch in Deutschland zu spät erteilten - Verbot von Großveranstaltungen und Gebot von Einschränkungen im Restaurantbetrieb Anfang April.

02.05.20 Ich habe den Eindruck, dass unsere Politiker sich gerade ohne Gesichtsverlust aus der Situation stehlen wollen. Lockerungen kommen, aber mit ganz vielen Warnungen versehen und Auflagen. Der Maskeneinsatz, den ich zu Beginn begrüßt hätte, hat jetzt offenkundig die politische Funktion, zu verhüllen, dass die Katastrophenszenarien überzogen waren, auch die Schulenschließungen (gemessen an den gesellschaftlichen Kosten). Maskenpflicht zur Gesichtswahrung, welche Konstellation! Denn welch ein Rechtfertigungsdruck, wenn auch ohne Masken die Lockerungen zu keinem signifikanten Infektionsanstieg führen würden! Temperaturmessungen an Flughäfen gibt es aber weiterhin nicht. Die Infiziertenzahlen und Sterbefälle gehen massiv zurück, eine zweite Welle ist nicht in Sicht. Sollte dies anhalten - wovon ich ausgehe - kann dies als Erfolg der Maskenpflicht zu den Lockerungen propagiert werden. Auch in Schweden gehen die Intensivstationseinweisungen und Todesfälle weiterhin zurück. Etwas wie eine kleine zweite Welle ist in Schweden um den 23. April bei den Einweisungen auf die Intensivstation zu erkennen - Folge österlichen Leichtsinns?

Das schwedische Konzept wird nun von der WHO gelobt - von Michael Ryan, der die WHO-Maßnahmen gegen Corona koordiniert. Und Drosten scheint sich nach der Schweinegrippe zum zweiten Mal geirrt zu haben. Erstaunlich ohnedies, dass in Deutschland fast ausschließlich Virologen zu Wort kamen und kommen, während in Schweden ein Epidemiologe meinungsführend war und ist. Und der lehnte die Schulenschließung bis zur 9. Klasse ab mit Verweis auf den fraglichen Nutzen und die Belastung für das berufliche Leben der Eltern. Dabei hätten die Schweden online-Unterricht sicherlich besser bewältigt als Deutschland - in Schweden hat jedes Schulkind ab der ersten Klasse ein Schul-Laptop! Während wir im digitalen Neandertal dahindümpeln, die Lehrenden zu einem großen Teil kaum mit dem Medium didaktisch sinnvoll umgehen können.

Der Tagesspiegel glänzt wieder mit einer seiner nichtssagenden Umfragen zum Corona-Thema. Zum - sehr kritischen - Beitrag über Ryans Schweden-Lob wird gefragt "Wie beurteilen Sie die Maßnahmen der Politik zur Bekämpfung der Corona-Pandemie?" Wir müssen wohl ergänzen: der "deutschen" Politik. Und als Antworten dürfen wir wählen von "Eindeutig übertrieben" bis "Eindeutig nicht ausreichend". Vorgesehen ist nicht, dass man etwa die durchgängige Kindergarten- und Schulenschließung für "übertrieben", die Versorgung mit Masken und Schutzkleidung für "nicht ausreichend" hält. Um nur eine Differenzierungsmöglichkeit zu nennen. Und dann bekommen wir wieder zu lesen, dass die Mehrheit der Bürger in Deutschland die Maßnahmen für nicht ausreichend halte - ergo (in der Logik mancher Journalisten) die Lockerungen ablehne.

03.05.20 Unter Heidelberger Leitung wird an vier Kinderkliniken in Baden-Württemberg eine Studie zur Corona-Verbreitung durch Kindern durchgeführt, Start war am 23. April. Da Kinder zur Verbreitung der gewöhnlichen Grippe erheblich beitragen, wurde dies bislang auch für Corona befürchtet - bislang gibt es dazu jedoch keine Belege. Belegt ist lediglich, dass Kinder, obgleich sie weniger häufig infiziert sind und weniger starke Symptome ausbilden, eine Virenbelastung des Rachenraums aufweisen, die der von Erwachsenen entspricht. In einem Gespräch mit "Heidelberg 24" erklärt der Leiter der Heidelberger Kinderklinik, Professor Georg Hoffmann, den Ablauf der Studie. Gesucht werden aktuell noch Kinder, die in der "Notbetreuung" seien. Da diese Kinder mit anderen Kindern in Kontakt seien, erhoffe man sich Aufschluss zur Frage, wie groß das Risiko der Schulenöffnung sei. Der Aufschluss dürfte schwierig zu erhalten sein, denn die Kinder gehören aufgrund der Berufe ihrer Eltern (u.a. Gesundheitswesen, Sicherheitsorgane) bereits zu einer Gruppe mit erhöhtem Infektionsrisiko. Außerdem gibt es Notbetreuungen mit nur ein bis drei Kindern, was der Kontaktsituation mancher Kinder ohne Notbetreuung entspricht. Und warum schaut man nicht nach Schweden, sondern gibt 1,2 Millionen Landesmittel aus für eine Studie mit grundsätzlich fragwürdigem Setting (untersucht werden 2000 Kinder und ein Elternteil nach Aufruf, mit freiwilliger Meldung)?

Es scheint, als diene diese Studie vorrangig der Argumentationsabsicherung der Landesregierung BaWü. Aus der erwartbar dünnen Datenlage dürfte alles ableitbar sein, was der Auftraggeber politisch wünscht. Vielleicht regt diese Studie eine schwedische Studie an, die dann wirklich belastbare Aufschlüsse zu geben vermag. In Schweden liegen doch Daten vor, die relevanter sind als die bei uns unter Bedingungen der Schulschließung in einer nicht repräsentativen, sehr überschaubaren Gruppe zu gewinnenden Befunde.

04.05.20 Aktuelle Daten aus Schweden, links Infektionen nach Altersgruppe, rechts Todesfälle nach Altersgruppe:

Altersverteilung Corona Infektionen Todesfälle
              Schweden 04.05.2020


Der Tagesspiegel wird wieder seiner Rolle als Lockdown-Einpeitscher gerecht. In Berlin hätten sich am 1. Mai Tausende in Kreuzberg gedrängt. Das zeige, "wie gefährdet die Erfolge sind". Klar gefährdet, aber doch nicht durch die Lockerungen, wie der Beitrag suggeriert: "Auch die Schüler kehren teilweise in die Schulen zurück. Doch am Wochenende zeigte sich, wie gefährdet die Erfolge sind, die Deutschland bei der Corona-Bekämpfung errungen hat." Gefährdet durch die Idiotie bestimmter Gruppen - die gewiss eher zurückhaltend den Tagesspiegel rezipieren, durch den also nicht "erzogen" werden könnten. Aber so geriert sich der Tagesspiegel unter Corona-Bedingungen, mit markigen Sprüchen zu Beginn im Stil von "in Bedrohungslagen erst agieren, dann prüfen" bis hin zur aktuellen Schweden-Häme. Wiederholte Hinweise gibt die Zeitung aus Berlin darauf, dass die Schweden so viel schlechter dastünden als die skandinavischen Nachbarn, auch viel schlechter als Deutschland - und was ist mit Belgien, Spanien, Italien, Frankreich, UK, Niederlande, Schweiz? Und warum steht Deutschland so gut da? Nicht wegen der einkommensstarken Regionen. BaWü und Bayern sind mit den Todesraten nahe an Schweden - trotz rigider Maßnahmen.

Und dann erfahren wir noch von einer Harvard-Studie, die nachweise, dass junge Erwachsene die hauptsächlichen Corona-Verbreiter in Deutschland seien - da sie sich weniger an Auflagen halten. Das war zu vermuten und passt es zu dem, was von Anbeginn zu beobachten war. Nicht Kinder haben die Epidemie angetrieben, sondern Party-People, Hardcore-Karnevalisten, Après-Skifahrer und die jüngeren, mobilen Mitarbeiter von Firmen mit Kontakt zur Region Wuhan.

05.05.20 "Erster Schultag" - allerdings nur für höhere Klassen, mit Blick auf das Abitur. Folgen sollen die vierten Klassen - wegen des Übergangs in die weiterführenden Schulen. Das klingt eiskalt wie die Zusammensetzung des kleinen Corona-Kabinetts, dem neben der Bundeskanzlerin laut Auskunft der Bundesregierung auf ihrer Website "die Ministerinnen und Minister der Verteidigung, der Finanzen, des Inneren, des Auswärtigen, für Gesundheit und der Chef des Bundeskanzleramtes" angehören. Trump sagt es laut, in Deutschland ist es implizite: Wir sind im Krieg. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und das für Arbeit und Soziales gehören nicht zum Kreis der prioritär Mitspracheberechtigten. Auch nicht das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Ein Argument dafür: Partikularinteressen fernhalten. Aber was dominierte den Lockout, wenn nicht Partikularinteressen? Damit nun das Verteidigungsministerium fürs Große Ganze sorgt?

Zum Friseur darf man auch wieder, allerdings mit erhöhtem Desinfektionsstress für den Salon. Und die Haare müssen nun vor dem Schnitt gewaschen werden! Eine Untersuchung dazu gibt es nicht, lediglich die Erkenntnis, dass das Virus sich auf Haaren nicht sehr lange halte - also eher gegenteilig.

Und der Tagesspiegel übt sich wieder in Kassandra-Rufen: "Die zweite und dritte Corona-Welle könnten schlimmer als die erste werden." Der Vorteil von Katastrophen-Propheten: Trifft es ein, werden sie gelobt. Trifft es nicht ein, freut man sich und vergisst den Fehltritt des Propheten. Und das Hauptproblem: Die Leute, die nach wie vor mit Infektion aus dem Haus gehen, die husten in der Öffentlichkeit ohne Mundschutz, werden nicht erreicht von diesen Rufen. Und das Mittelfeld reagiert wie in der altertümlichen Geschichte vom Kind, das immer rief "der Wolf kommt" - und als der Wolf wirklich kam, glaubte ihm niemand mehr.

06.05.20 Auf den Spielplätzen verschwinden in BaWü die roten Bänder! Kinder sind aber noch kaum zu sehen am ersten Öffnungstag.

Wie schnell die Umstellung auf Maskentragen doch ging! Schon fast eine Selbstverständlichkeit. Und mit dem Maskentragen kommt auch die ältere türkische Wohnbevölkerung wieder verstärkt ins Stadtbild. Ich finde das Maske-Tragen bisweilen durchaus angenehm. Ich fühle mich sicherer, und dies eher allgemein, gar nicht auf Corona bezogen. "Geborgener" wäre wohl angemessener zu sagen. Ich kann meine Stimmung auf der Straße vor fremdem Publikum eher für mich behalten. Man kann mich nicht "auslesen" an meiner Mimik. Zugleich werden die anderen Menschen interessanter, treten nicht plakativ mit ihrem Gesicht entgegen, sondern zeigen nur ihre Augen - und die können sie abwenden, wenn sie für sich sein wollen. Ja, ich muss bekennen: Ich entwickle ein Verständnis für die Faszination des Niqab. Natürlich darf da kein Gleichheitszeichen gesetzt werden, hinter dem Niqab stehen eine kulturelle Tradition, Politik, soziale Regelwerke etc. pp., die Corona-Maske ist eine hygienische Maßnahme. Aber beiden gemeinsam ist, dass sie nicht, wie Karnevalsmasken oder Theatermasken etwa, "Verkleidung", Rollenwechsel, Rollenspiel beinhalten.

07.05.20 Und schon haben die Kinder die Spielplätze wieder, zumindest teilweise, zurückerobert. In Schweden setzt sich der Rückgang bei den Todesfällen fort. Auf dem Dashboard der Johns Hopkins University flacht selbst in Weißrussland die Infektionskurve ab. In Deutschland breitet sich Unbefangenheit aus, auch in meinem eigenen Umfeld muss ich öfter mal abrücken, auch von Hustenden ohne Maske. Bisher war ich in diesem Frühjahr noch nicht erkältet: Folge der Distanzhaltung?

10.05.20 Auffallend bei einem Ausflug an den Rhein: Die Müllhaufen an den Bänken! Die neue Corona-Draußen-Unkultur. Am Schnellimbiss mitnehmen, draußen essen und liegen lassen.

11.05.20 Was mich nervt sind die Leute, denen auch lockere Regeln gleichgültig sind. Die genau das tun, was zu Beginn die Ausbreitung beschleunigt hat, sich in Massen treffen, nahe beieinander - zumindest laut den Berichten aus Berlin. Während die Kindergärten und Grundschulen weiterhin zu sind! Leider fehlen aber vom RKI grafisch aufbereitete Daten, die Auskunft geben über die Entwicklungen in einzelnen Bundesländern. Man müsste sich das selber aufschreiben täglich und errechnen. Mit plus 11 Infektionen gestern wirkt Berlin allerdings nicht gerade wie ein Seuchenpfuhl. Schaut man sich die Landkreis-Seite des RKI an, so fallen andere Hotspots auf mit den Werten der vergangenen sieben Tagen, Landkreis Greiz (Pflegeheime), Landkreis Sonneberg (Gesundheitscampus/Krankenhaus) und Landkreis Coesfeld (Schlachtbetrieb). Der aktuelle Anstieg der Reproduktionszahl geht augenscheinlich nicht auf das Konto von "Lockerungen" und nicht auf das Konto von Berlin.

13.05.20 Die Gereiztheit bei mir und in meinem Umfeld nimmt zu. Dazu trägt nicht nur die Einschränkung der sozialen Kontakte und Freizeitmöglichkeiten bei, sondern nach meiner Einschätzung auch die Zunahme, ja Abhängigkeit von elektronischer Kommunikation. Elektronische Kommunikation fördert bekanntlich unter bestimmten Umständen die Eskalation von Missverständnissen, Unhöflichkeit, Unbedachtheit - das hat jeder schon bei der Kommunikation über Mails oder SMS selbst erlebt. Mit gutem Grund sind die Höflichkeitsregeln in Foren etc. strenger als die in der Alltagskommunikation. Und nun schreibt man ständig Mails und SMS, redet weniger im direkten Kontakt, sitzt ständig in Videokonferenzen, sieht nicht nur Freunde und Kollegen, sondern auch Kinder und Enkelkinder oft nur noch auf dem Bildschirm. Dazu kommt eine Fokusierung auf wenige Menschen, die Rollen übernehmen müssen, die vorher verteilt waren. Wo es zum Beispiel früher für die Kinder mehrere Lehrer, Freunde/Freundinnen, Eltern, Nachhilfelehrer, Nachbarn etc. pp. waren, die für die "Bildung" sorgten, gibt es aktuell noch eine Freundin und ein oder zwei überforderte Elternteile - wenns gut läuft. Der Rest läuft mehr schlecht als recht "online" - was als Ergänzung im "Normalleben" sinnvoll war wird als Kernangebot zur Belastung. Wir sind permanent überreizt, überfordert, un-ausgeglichen. Wie lange geht das gut ohne die Gesellschaft zu sprengen?

15.05.20 Der "Tagesspiegel" berichtet von der repräsentativen Mannheimer Studie zur Wahrnehmung der Corona-Krise und der Maßnahmen durch die Bürger. Dabei wird die Studienleiterin Annelies Blom nicht wörtlich zitiert mit der Angabe, dass die Befragten innerhalb einer Woche einen Infektionsanstieg in ihrer Bevölkerungsgruppe um 4% erwarten. Dabei dürfte ein Stellenfehler passiert sein, statt 4 von 100 dürften wohl 4 von 1000 sich als Erwartung in der Studie ergeben haben. Sonst müssten wir uns ernsthaft Gedanken darüber machen, was in der öffentlichen Kommunikation zu Corona falsch gelaufen ist, wenn solche Fehleinschätzungen sich ergeben. Wobei auch 0,4% als wöchentlicher Anstieg viel zu hoch gegriffen wären. Die Gesamtzahl der Infizierten bisher umfasst gerade mal etwa 0,2%.

18.05.20 Nach Coesfeld gibt es nun weitere Corona-Hotspots in deutschen Schlachtanlagen. Die Ausbreitung erfolgt wohl in den Unterkünften der schamlos ausgebeuteten Billigarbeiter - ähnlich wie in Singapur! Muss die These von der Bedeutung prekärer Arbeitsverhältnisse in der norditalienischen Textilindustrie für die Corona-Entwicklung dort nochmal auf den Tisch zur Überprüfung? Drosten hat in einem Interview mit dem ORF am 24. April die Lockerungen warnend mit einem leichten Infektionsanstieg nach Ostern verknüpft - der weitgehend auf die Schlachthofmitarbeiter zurückzuführen ist, die über Ostern der Einschränkungen wegen in ihren Massenunterkünften geblieben waren.

19.05.20 Die Tochter einer Bekannten war mit Kommilitonen in Mannheim auf einer Gartenparty, zu siebt. Sie wurden angezeigt, für den Gartenbesitzer gab es 1000 Euro Strafe, für die Gäste je 200 Euro!

20.05.20 Mit Datum vom 16. Mai 2020 titel ntv: "Rollt die zweite Corona-Welle auf uns zu?" Und dann wird der "Epidemiologe und Katastrophenschutz-Experte" Timo Ulrichs zitiert mit der Aussage: "Durch die Lockerungen nimmt das Risiko solcher lokalen Ausbrüche zu, wie man aktuell in einigen deutschen Wurstfabriken und Pflegeheimen sehen kann." Was die desaströsen Arbeitsbedingungen und hygienischen Bedingungen in "deutschen Wurstfabriken" oder die Personalproblematik in Pflegeheimen und die zu laschen Corona-Tests von Pflegepersonal mit Corona-Lockerungen zu tun haben sollen, erschließt sich mir nicht. Nur noch zur Erinnerung: In Pflegeheimen wurde erst am 18.05 gelockert. Wer diese Lockerungen im Detail kennt, der wird davon keine Corona-Ausbreitung ernsthaft erwarten. Und angesichts der weiterhin geringen täglichen Neuinfektionen ist auch von einem indirekten Effekt der allgemeinen Lockerungen nicht sinnvoll auszugehen. War hier der Wissenschaftler nachlässig oder das Nachrichtenmedium?

Der Rückgang der Todesfälle in Schweden, die mit Corona verbunden sind, hat die Anfang Mai auf der Graphik des "Folkhälsomyndighen" abzulesende starke Tendenz nicht gehalten. Durch spätere Meldungen zeigt sich nun vorwiegend ein Abflachen des Rückgangs. Auch der Rückgang in den vergangenen Tagen könnte mit späteren Meldungen wieder sich auflösen:

Todesfälle Corona Schweden 200520 


Der "Focus" titelt: "Geheimnis hinter Schwedens Corona-Solo liegt im Jahr 2010." Die Schweden haben 2010, nach der Schweinegrippe, in Malmö Übungen zur Bewältigung einer Grippeepidemie durchgeführt. Beteiligt war Anders Tegnell.

21.05.20 Was wohl Paul Feyerabend zur umfassenden Forschungsgläubigkeit in Corona-Zeiten gesagt hätte? Zuletzt wollte Kretschmann von einer Heidelberger Studie die Entscheidung zur Öffnung der Kindergärten abhängig machen. Nachdem die Studie noch immer nichts Relevantes erbracht hatte, wurden die Kindergärten am vergangenen Montag zu 50% geöffnet. Ohne Erklärung, wie die 50% ausgewählt werden sollen. Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz zu 50%? Die einzelnen Kindergärten entscheiden letztlich praktisch, vor Ort, wer kommen darf/sollte/muß. Und die Pädagogik in den Kindergärten zur Corona-Zeit? Wie in den Schulen häufig, vormodern. Corona als Gehorsamkeitserzieherin.

Auch bei den Pflegeheimen findet jedes seine eigene Lösung im vorgegebenen Rahmen. Mit einer "Öffnung" hat die dabei gewählte Praxis nach meinen Erfahrungen mit zwei Heimen nur sehr eingeschränkt zu tun. Eine Besuchsmöglichkeit für meine Mutter alle drei Wochen für eine halbe Stunde, in einem Besuchszimmer. Wieviele Corona-Fälle in Pflegeheimen kamen von Angehörigen? Ich habe nur von der Verbreitung durch Pfleger gelesen.

22.05.20 Drosten erklärt zum Aufruf von vier medizinischen Fachgesellschaften, Schulen und Kindergärten umgehend mit Normalbetrieb wieder zu öffnen, das sei wissenschaftlich nicht begründbar. "Als Einzelperson" würde er diese Position jedoch unterstützen. Feyerabend sagte einmal über seinen Lehrer Popper, der sei ein Pedant gewesen, kein Philosoph. Ein Zug zur Pedanterie ist gewiss in der Virologie sinnvoll und zielführend. Und als Virologe mag Drosten Recht haben, doch unser Problem ist ein epidemiologisches - und epidemiologisch lag Drosten schon bei der Schweinegrippe falsch. Die Virenfracht im Rachenraum bei infizierten Kindern mag die gleiche sein wie bei infizierten Erwachsenen. Aber alle bislang identifizierten Superspreader oder Superspread-Ereignisse gingen von Erwachsenen aus und unter Erwachsenen. Da gab es in den USA die Chorprobe am 10. März, in der ein Sänger 52 andere ansteckte. Da gab es den Gottesdienst in Südkorea mit 40 Angesteckten durch eine andere Teilnehmerin. Warum haben wir nichts Vergleichbares aus der Kinderwelt gehört? Die schwedische Epidemiologie hätte das doch mitbekommen, wenn Superspread-Ereignisse in den offenen Kindergärten oder Schulen Schwedens stattgefunden hätten. Oder wollen wir den Schweden unterstellen, sie würden sich verhalten wie China zu Beginn der Epidemie (oder Südtirol zu Beginn dort ...) und verschweigen? Aber auch eine Stufe darunter, auf der Ebene von Skifahrerbars und Karnevalsfeiern und Arbeitsmigrantenwohnheimen und Schlachthöfen ist nichts Vergleichbares aus Kindergärten oder Schulen oder Kinderheimen bekannt. Und das sind epidemiologisch, nicht virologisch relevante Befunde. Sicherlich haben sie einen virologisch fassbaren Hintergrund. Doch ehe wir den hinreichend erforscht haben, ist die Gesellschaft kollabiert, falls Lockerungen von wissenschaftlich eindeutigen und bestätigten Befunden abhängig gemacht werden.

Dem Superspread-Phänomen korrespondiert das Phänomen, dass viele Infizierte wohl gar niemanden anstecken. Es gibt sogar Berichte von Paaren, von denen der Infizierte den Partner nicht ansteckt trotz großer Nähe! Aus Tests an älteren Blutproben ist inzwischen bekannt, dass es auch in Europa schon Corona-Infizierte lange vor den bislang erfassten "ersten" Infektionen gab. Funken, die erloschen sind, wie es der Londoner Epidemiologe Adam Kucharski treffend formuliert. Lassen wir also Drosten in Ruhe forschen und überlassen wir epidemiologische Befunde den Epidemiologen. Die allerdings auch daneben liegen können wie etwa Timo Ulrichs mit dem Bezug zwischen Lockerungen und Schlachthofspreads - falls er nicht irreführend zitiert wurde.

In der Karlsruher Fußgängerzone auffallend viele Straßenmusiker. Darunter ein lauthals singender junger Mann. Wissen er und das Ordnungsamt nichts von der Aerosolgefahr? In den Kirchen soll aktuell auf Gesang verzichtet werden. Von reisenden Straßenmusikern nicht? Nur weil sie "draußen" singen? Oje, bin ich da zu pedantisch?

23.05.20 Wird durch die Corona-Maßnahmen gerade eine ganze Generation zu FaceTime-, Skype- und Zoom-Junkies erzogen? Auch wenn gerade gerne die Segnungen der digitalen Kommunikation gepriesen werden, die uns die Krise bewältigen helfen: Der Zwang zur digitalen Kommunikation macht auch vertraut mit deren Schwächen bzw. den Defiziten, die durch ihren massenhaften Einsatz nun im sozialen Feld und im psychischen Haushalt sich auftun.

Der Deutschlandfunk veröffentlicht heute eine sehr lesenswerte und informative Darstellung zum Thema "Übersterblichkeit" unter dem Titel "Übersterblichkeit - wie tödlich ist das Coronavirus wirklich?". Darin ist auch zu erfahren, dass die 25.000 Tote der Grippewelle 2017/18, von denen zur Zeit häufig die Rede ist, als Übersterblichkeit errechnet wurden - labordiagnostisch bestätigt sind lediglich 1.674 Todesfälle. Bei der aktuellen Pandemie könnte sich für Europa das Gegenteil ergeben, dass die Übersterblichkeit geringer ist als die labordiagnostisch bestätigte Zahl - wie von Palliativmedizinern und Pathologen bereits verschiedentlich kritisch angemerkt wurde. Aber das dürfte sich erst zum Jahresende klären. Der Beitrag macht auch darauf aufmerksam, dass selbst aus der Distanz nicht immer zu unterscheiden sein wird, ob und welche Teile der Übersterblichkeit dann dem Corona-Virus selbst, welche den Maßnahmen dagegen zuzuschreiben sind. Wenn etwa mehr Menschen an Herzinfarkt versterben, weil sie nicht rechtzeitig behandelt wurden weil Kapazitäten für Corona freigehalten wurden oder weil sie aus Angst vor Corona-Ansteckung nicht zum Arzt sind. Und grundsätzlich ist die Zuordnung von Kausalitäten bei Übersterblichkeit in Krankheitsfällen ein Problem, da nie ganz ausgeschlossen werden kann, dass es nicht ein Tertium gibt, das an Krankheit und Sterblichkeit ursächlich erheblich beteiligt ist. Eine allgemeine Schwächung des Immunsystems etwa durch Mangelernährung, Hygieneprobleme, Stress oder andere Gründe.

26.05.20 Kretschmann prescht mit ersten Ergebnissen der Heidelberger Studie vor und erklärt, "Wir können ausschließen, dass Kinder Treiber des Infektionsgeschehens sind". Das kann schon längst ausgeschlossen werden, aber sicherlich nicht auf der Basis der sehr dünnen Datenlage der Heidelberger Studie, sondern nach allen bisherigen epidemiologischen Befunden zum Corona-Geschehen. Das Kinder extrem selten an Corona symptomatisch erkranken, ist schon lange bekannt. Und kein einziges signifikantes Ausbreitungsgeschehen bisher ist auf Kinder zurückzuführen. Schon Mitte April wurde eine Studie in "Clinical Infectious Diseases" zu einem beim Skifahren durch den Geschäftsmann Steve Walsh (Starter eines europäischen Infektions-Clusters, nach einer Singapur-Reise) infizierten neunjährigen französischen Jungen mit 172 nicht infizierten, teils sehr engen Kontaktpersonen veröffentlicht.

29.05.20 Die Drosten-Studie zur Infektiosität von Kindern, argumentative Basis dafür, Kindergärten und Schulen geschlossen zu halten, hatte nach einigen Kritikern, die von der Bild-Zeitung sehr forsch zitiert wurden, methodische Fehler. Wozu Drosten nun erklärt, er haben zu seinen "groben Daten" eben ein "gröberes statistisches Werkzeug" gewählt. Allgemein schätzt er in einem Spiegel-Interview vom 29.05., er habe Deutschland 50.000 bis 100.000 Corona-Tote erspart. Dabei bezieht er sich explizite allerdings auf die von ihm entwickelten Tests, nicht auf seine medial verbreiteten epidemiologischen Explikationen. Die Studie unter Drosten ("An analysis of SARS-CoV-2 viral load by patient age") erschien am 29. April 2020.

Aus Frankreich kommt eine Studie, wonach sich die Zahl der plötzlichen Herzstillstände außerhalb von Kliniken in den ersten beiden Wochen des Lockdowns verdoppelt habe. Nur bei etwa 10% der Betroffenen sei eine Corona-Infektion diagnostiziert worden. Die Autoren der Studie, die in "The Lancet" veröffentlicht wurde, gehen davon aus, dass es sich überwiegend um einen Effekt der Corona-Maßnahmen handele. Allerdings kann ein signifikanter Anstieg der Übersterblichkeit hieraus nicht abgeleitet werden, denn die wöchentliche Inzidenz betrug 26,64/1 Mio Einwohner in den Wochen 13 und 14 (Lockdown in Paris begann am 17.03.20).

Im IPG-Journal von heute und im "vorwärts" ein aufschlussreicher Bericht über das schwedische Gesundheitssystem von Enna Gerin, in welchem sie die hohen Corona-Todeszahlen in Schweden auf ein heruntergewirtschaftetes Gesundheitssystem zurückführt, dass längst nicht mehr seinem Ruf als fortschrittlich und sozial gerecht werde. Die "Welt" titelte schon am 11.05.20 "Der Mythos vom schwedischen Paradies" und schrieb "Was die Zahl der Intensivbetten angeht, liegt Schweden auf dem vorletzten Platz im EU-Vergleich".

02.06.20 Feiern von "Großfamilien" verbreiten Corona im Raum Göttingen. Herr Montgomery befürchtet allerdings vor allem in Berlin einen neuen "Superspread" nach den Bootsraves. Und den Grund für die Bootsraves hat er auch schon ausgemacht: Die Unsicherheit wegen unterschiedlicher Regelungen in verschiedenen Regionen. Dazu möchte ich drei Fragezeichen setzen, mindestens.

Die Corona-Verordnung Baden-Württemberg vom 9. Mai sieht für private Feiern/Veranstaltungen eine Aufhebung der Beschränkung auf 5 Personen (seit dem 26. Mai 10 Personen) unter bestimmten Voraussetzungen vor, §3, Absatz 2: "Dieses Verbot gilt nicht, wenn die teilnehmenden Personen ausschließlich 1. in gerader Linie verwandt sind, wie beispielsweise Eltern, Großeltern, Kinder und Enkelkinder, 2. Geschwister und deren Nachkommen sind oder 3. dem eigenen Haushalt angehören sowie deren Ehegatten, Lebenspartnerinnen oder Lebenspartner oder Partnerinnen oder Partner; hinzukommen dürfen Personen aus einem weiteren Haushalt." Es lebe die Großfamilie.

09.06.20 Jucken an den Händen nach der Desinfektion am Eingang zur Kunsthalle Karlsruhe. Hoffentlich bleiben von den Gewohnheiten der Corona-Zeit nicht ausgerechnet der Desinfektions-Wahn und die entsprechenden Hauterkrankungen. Mir wären zurückgefahrener Konsum und weniger Straßenverkehr weit sympathischer - allerdings verträgt sich beides nicht mit den Prämissen unseres Wirtschaftssystems.

10.06.20 Der Landkreis Göttingen bleibt weiter ein Hotspot. Die Berliner Bootsraves dagegen haben bislang noch keinen neuen Hotspot begründet. Ich warte noch vergebens auf eine Erklärung des einen wie des anderen Phänomens, die objektiv und nicht nach den Geboten der Political Correctness oder sonstiger politischer Vorgaben und Nudging Strategien analysiert und informiert. Aber vielleicht ist ja wirklich der Zufall ganz wesentlicher Verfahrensbeteiligter, und ihm kommt man nicht so leicht auf die Spur. Nicht so leicht wie desolaten Arbeits- und Wohnbedingungen bei Schlachtanlagen.

Aus Schweden gibt es leider unerfreuliche Nachrichten. Die Infiziertenzahlen bleiben weiterhin eher gleich, seit Anfang Juni ist sogar ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen, und die Einweisungen auf Intensivstation nehmen nicht mehr weiter ab. Der Infektionsanstieg scheint sich unter anderem touristischen Regionen mit hoher Ferienhausdichte zu verdanken wie Jämtland-Härjedalen - also Freizeit-Importen zwischen Pfingsten und Nationalfeiertag aus den Großstädten? Wann kommt die Analyse? Was wird in den schwedischen Sommerferien passieren, die heute beginnen? Einige europäische Länder haben ja Schweden ausdrücklich ausgenommen von sommerlichen Einreiseerleichterungen für Touristen.

11.06.20 Nun deutet sich an, dass auch in Göttingen vor allem Wohnverhältnisse (IDUNA-Hochhaus) an der Corona-Ausbreitung beteiligt waren. Neben den Schlachthöfen wird nun auch die Gemüseernte zur Problemzone: Erntehelfer auf einem Spargelhof in Aichach-Friedberg haben einen - eng umgrenzten - Corona-Hotspot begründet.

Ich finde zufällig den Beitrag von Heike Klovert in "SPIEGEL Gesundheit" vom 09. Mai zu jungen Menschen mit Vorerkrankungen und ihrem Umgang mit der Corona-Bedrohung. Äußerst lesenswert!

In Magdeburg wird eine Schule vom 12. bis 26. Juni geschlossen, weil eine Mutter und ihr Kind positiv auf Corona getestet wurden. Über Hintergründe ist vorläufig nichts zu erfahren aber es ist zu hoffen, dass Fälle wie dieser genau aufgearbeitet werden. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, in anonymisierten Zusammenfassungen informiert zu werden, wo Menschen sich aktuell noch anstecken, wie Infektionsketten verlaufen - und zwar nicht an herausgepickten Einzelfällen oder Einzelstudien, sondern in repräsentativen Überblicken.

16.06.20 Die Pfingstwelle der erfassten Neuinfektionen in Schweden ebbt wieder ab. Sie spiegelt sich auch nicht in den Einweisungen auf Intensivstation oder in den Totesfällen wider - weshalb vorläufig auch ein "Messeffekt" durch vermehrte Tests angenommen werden kann.

17.06.20 In Magdeburg weitere Schulen geschlossen. Hintergründe könnte in einer Magdeburger Pfingstgemeinde liegen.

18.06.20 Massenausbruch von Corona beim Fleischproduzenten Tönnies. Und was fällt der Kanzlerin dazu ein bzw. was zitiert der Tagesspiegel von ihr zum Thema? Man könne wieder sehen, wie wichtig das Einhalten des Mindestabstandes sei! Welch eine Verschlichtung des Denkens findet derzeit im Schatten von Corona statt! Alle Fakten werden hingedreht auf Nudging-Effekte. Wir werden des eigenständigen Denkens entwöhnt bzw. gewöhnen uns daran, die Übernahme von halbplausiblen Halbwahrheiten für eigenständiges Denken zu halten. Mit welcher Inbrunst haben mir schon viele kluge Leute erklärt, dass Schweden nur das Glück habe, so dünn besiedelt zu sein, sonst hätten sie eine Katastrophe erlebt mit ihrer Unvorsicht. Dass 90% der Schweden in Städten leben - ignoriert. Dann der beständige empörte Vergleich der Corona-Todesfälle Schwedens mit denen der anderen skandinavischen Länder. Dass Schweden in der Nähe der Niederlande und Spaniens liegt (Stand heute - am 23.04. lag Schweden zwischen den Niederlanden und der Schweiz) mit der relationierten Zahl der Corona-Todesfällen - ignoriert. Und nun sind es ganz pauschal fehlende Mindestabstände, nicht Arbeitsbedingungen, nicht eine kurzsichtige, krisenanfällige, politisch entschiedene Konzentration der Schlachtbetriebe in der EU, nicht problematische Arbeitsmigrationen, die Corona-Hotspots produzieren.

Als Gewinn der Corona-Situation wird gelegentlich gepriesen, dass nun endlich bargeldlos bezahlt werde in Deutschland. Ich gehöre auch zu denen, die jetzt vermehrt die Karte einsetzen. Aber meine Kontoauszüge werden damit länger und unübersichtlich. 

24.06.20 Schweden riskierte Corona-Infektionen für das Recht auf Bildung. Deutschland riskierte Corona-Infektionen für das Recht auf ein Nackensteak. Allerdings sollte klar sein, dass es beim "Nackensteak" nicht nur um das "Recht" deutscher Supermarktkunden geht, sondern um den Weltmarkt. Tönnies und andere Großschlächter beliefern u.a. den chinesischen Markt. Gemeinsam mit dem deutschen Bauernverband wollen sie zeigen, dass Deutschland nicht nur mit herausragenden Ingenieursprodukten, sondern auch mit Schweinehälften ganz vorne mit dabei ist. Um den Preis von belastetem Grundwasser, minderwertigem Fleisch, überbordendem Transportwesen, entwürdigenden Arbeitsbedingungen und Mißachtung des Tierwohls schon seit langem, nun auch mit Corona-Lasten.

25.06.20 Focus zeigt im "harten Faktencheck", "Welche Länder die Corona-Pandemie im Griff haben und welche nicht". Und gezeigt werden uns, wir sind im Jargon der Börse, "Chart-Analysen", die Fieberkurven der Corona-Infektionen (wohlgemerkt, aber das werden einige wohl nie lernen, der labordiagnostisch erfassten Infektionen) in ausgewählten Ländern. "Länder, die es geschafft haben könnten" sind nach diesen "Chart-Analysen" unter anderem die Bahamas, Jamaica, Mali, Sri Lanka und Vietnam. Entscheidendes Kriterium? Die Kurve sinkt ab in die Nähe der Anfangszeit. Pech haben die Schweden, sie landen in der dritten Schublade, auf der steht '"Länder, bei denen es noch schwierig ist" - zusammen mit den USA, Nigeria und Brasilien (unter anderem). Dass die Zahl der Einweisungen auf Intensivstation und die Zahl der Corona-Todesopfer in Schweden seit Anfang April kontinuierlich zurückgehen, interessiert nicht.

Das Satiremagazin "Der Eulenspiegel" hat in Heft 6/2020 uneinholbar das halbblinde Klammern an Zahlen und Graphiken seit Beginn der Corona-Krise auf die Schippe genommen unter dem Titel "Die Unbestechlichkeit der Zahlen". Eines der Pflichtdokumente aus der Corona-Zeit, die bleiben sollten im kulturellen Gedächtnis, auch wenn es sich "nur" um Satire handelt!

26.06.20 Laut "Bloomberg" hat Anders Tegnell sich klärend gegen eine Einstufung der WHO gewandt, die im Stile von Focus und Tagesspiegel Schweden den Anstieg der Infiziertenzahlen vorhält und vor einer drohenden Überlastung des Gesundheitssystems warnt. Dieser Anstieg sei, so Tegnell, auf eine erhebliche Zunahme der Tests seit Anfang Juni zurückzuführen. Tegnell verwies auch auf die zurückgehenden Einweisungen zur Intensivbehandlung und stetig abnehmende Todesfälle. Die WHO korrigierte daraufhin ihre Einschätzung, verwies aber darauf, dass unter den Getesteten der Anteil Infizierter bei 12-13% stabil bleibe, nicht zurückgehe.

30.06.20 Fluchtreflexe. Weg von Corona. Von der vagen Bedrohung durch den Virus ebenso weg wie von den Maßnahmen. Es ist schwer, diese extreme Kontingenzsituation zu ertragen. Wobei sie "extrem" nur für uns in einer saturierten Wohlstands- und Sicherheitsgesellschaft ist. Bis 1945 waren die Kontingenzen für den Einzelnen auch bei uns weit größer. Die Unsicherheiten danach waren dann aber eher abstrakt-allgemeiner Natur, für uns vor allem die durch den Kalten Krieg, die Atomkriegsdrohung. Ich bekomme zum ersten Mal ein konkretes Gefühl dafür, was die Pest für Petrarca bedeutet haben mag und bekomme erneut ein Bewußtsein für die Ausnahmesituation von Friede und Wohlstand, in der wir uns seit 1945 befinden im sogenannten "Westen". Eine Komfortsituation, die unsere Krisentoleranz heruntergefahren hat.

Und wie aktuell ist 672 Jahre später noch, was Petrarca zur Pest in einem Brief an den Freund Socrates 1348 schreibt: "Doch sind weder die Unwissenheit noch die Seuche selbst so hassenswert wie die Flausen und Fabeln der Leute, die obgleich sie alles behaupten, nichts wissen".

09.07.20 Was wird die Corona-Generationen, die jetzt gerade zur Schule gehen, auszeichnen? Größere Selbständigkeit? Besondere Medienkompetenz? Soziale Defizite? Eine andere Beziehung zur Schule? Entweder diese höher zu schätzen als etwas nicht Selbstverständliches? Oder sie gering zu schätzen, weil man auch ohne Schulbesuch was lernen kann?

18.07.20 Ich freue mich noch immer über den Himmel mit weniger Kondensstreifen. Über die größere Achtsamkeit vieler Menschen, Gelassenheit. Über Restbestände an Solidarität in gemeinsamer Krisenerfahrung. Aber ich werde zunehmend wütend über das selbstlaufende Verwaltungshandeln, die Verordnungs- und Papierflut, über sinnlos geschlossene Einrichtungen, weil Personal fehlt um jedem Besucher zwei Aufseher an die Fersen zu heften die seine Virenlast kontrollieren - und die, wo es sie gibt, oft die sind, die Abstandsregeln nicht einhalten. Weil sie sich so freuen, dass überhaupt noch jemand kommt. Und ich verstehe doch auch die Sorge, für einen lokalen Ausbruch verantwortlich zu sein. Ich sehe aber auch die Zahlen aus Schweden, die den schwedischen Weg nun durchgängig bestätigen (auf der Website von "Folkhälsomyndigheten") - wobei denkbar ist, dass Schweden lediglich vom saisonalen Abschwung des Virusgeschehens profitiert, nicht von Klugheit. Frühe Aussagen von Tegnell lassen allerdings erkennen, dass er den saisonalen Faktor einbezogen hat. Er war einer der ersten, der auf die Wahrscheinlichkeit eines neuen Ausbruchs im kommenden Winter hingewiesen hat - für die breite Öffentlichkeit bereits im Cicero-Interview am 26. März!

Sonnenbrillen waren noch nie mein Ding. Doch nun kann ich ihnen plötzlich etwas abgewinnen. Wie auch die Corona-Masken fördern sie die Lust am Sich-Verstecken. Eine ganze Gesellschaft versteckt sich, welche psychologischen Prozesse werden hier in Gang gesetzt?

Heute war ich im Botanischen Garten Karlsruhe. Am Eingang zum Schauhaus steht noch immer aus der Vor-Corona-Zeit der Aufsteller mit dem Hinweis auf den Eingang. Der geschlossen ist.

Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass unsere Einschränkungen unverhältnismäßig waren und sind. Aber statt dies zu bekennen, befinden wir uns im Modus des "ohne Gesichtsverlust ausschleifen Lassens". Und ich lasse auch diese Aufzeichnungen ausschleifen. Und hoffe, dass im Herbst wir nicht die Rechnung bezahlen müssen dafür, dass wir zuviele Strukturen zu lange runtergefahren haben. Bereiten wir unsere Immunsysteme gut auf den Winter 2020/21 vor!

27.07.20 Söder erklärt, dass Corona "mit aller Macht" zurückkehre. Er meint die Gemüsefarm in Mamming, Bayern. Wieso zurückkehren? War sie schon mal in Mamming? Und mit welcher Macht? Der Macht einer seit Jahrzehnten verfehlten Agrarpolitik? Der Macht eines unkontrollierten Arbeitsmarktes? Der Macht der politischen Rhetorik? Die Verluderung des Denkens und Sprechens in den Zeiten von Corona hält an. Um nüchtern zu bleiben hilft der Blick auf die Karten des RKI-Institutes und auf die Statistiken aus Schweden.

03.08.20 Während bei uns bei jeder sich bietenden Gelegenheit (Corona-Ausbrüche bei Großfamilienfeiern, bei Freikirchen-Treffen, in der Schlachtindustrie, in der Gemüseindustrie) vor der zweiten Welle gewarnt wird, gibt es in Schweden nach wie vor keine Maskenpflicht. Hier die aktuelle Grafik zu den Fällen der Aufnahme auf Intensivstation in Schweden:


Intensivmedizinische Fälle Corona Schweden 03.
              August 2020

09.08.20 Es ist irritierend, wie anhaltend eine zweite Corona-Welle in Deutschland medial herbeigeredet wird. Verbunden mit der Aufforderung, im Alltag nicht nachlässig zu werden bei Maskenpflicht und Kontakteinschränkung. Folgt das nur der Aufmerksamkeitsregel und dem "bad news are good news"? Die alte Aufklärer-Frage muss aber auch erlaubt sein: Wem nützt das? Keiner der Ausbrüche der jüngeren Zeit (der "Zweiten Welle") ist auf Verstöße gegen Maskenpflicht oder zu geringen Abstand bei Einzelbegegnungen zurückzuführen.

11.08.20 Ich habe bei Google Trends in einem völlig anderen Kontext das Suchwort "Fundsachen" eingegeben. Dabei ist bemerkenswert der steile Abfall Mitte März! Die Corona-Ausgangseinschränkungen haben offensichtlich (und erwartungsgemäß) zu einem massiven Rückgang beim Verlieren von Gegenständen geführt. Inzwischen ist ein Anstieg lediglich etwa auf die Hälfte der Anfragenzahl der Zeit vor einem Jahr erreicht.

04.09.20 Drosten schlägt 5 Tage Quarantäne vor um den Schulbetrieb nicht lahmzulegen. Und warum fragt man nicht einfach mal in Schweden nach? Hier ein Bericht von ntv vom 1. September mit Links zu zwei schwedischen Studien von Mitte Juni (sic!) 2020 (gibt es nichts Aktuelleres? Die ZEIT hat die beiden Studien schon am 9. August zitiert): https://www.n-tv.de/wissen/Schulen-Hotspots-oder-Corona-Bremsen-article22008967.html

23.09.20 Nach den Zahlen der Neuinfizierten  (Quelle: Johns Hopkins University) haben viele Länder eine zweite Corona-Welle, teilweise stärker als die erste (so in Dänemark, Holland, Frankreich, Spanien, Rumänien, Ungarn, Österreich, Tschechien). Auffallende Ausnahmen: Deutschland, Schweden und - mit großem Fragezeichen - Belarus mit nur einem leichten Anstieg verglichen mit dem Sommertiefstand. Die Todesfälle spiegeln den Infektionsanstieg allerdings zumeist nicht wider, entweder haben die Infektionen nun einen schwächeren Charakter (stabilere Immunsysteme als im Frühjahr?) oder die Medizin reagiert wesentlich besser. Eine Risikobewertung muss beide Zahlen in den Blick nehmen. Ich wollte im Herbst gerne mit der Bahn nach Frankreich, Oliven (Tanche) einkaufen. Aber das lasse ich nun doch sein. Zweimal 10 Stunden "öffentlich" durchs ganze Land, einschließlich Paris, und dann bei jedem Husten in Stress geraten, nein.

29.09.20 Die Bundeskanzlerin hat ausgerechnet, dass an Weihnachten täglich 19.200 Neuinfektionen denkbar wären - sollte die Zunahme weiter verlaufen wie von Ende Juni bis Ende September. So wurde auch schon mal ausgerechnet, wann New York in Pferdeäpfeln erstickt und wann Deutschland ausstirbt. Das also ist die nüchtern an Corona herangehende Naturwissenschaftlerin. Glaubt sie, die Bürger mit epidemiologischen Argumenten zu überfordern? Die Epidemiologie kennt keine linearen Entwicklungen. Zu ihrer Entlastung ist nur zu sagen: Sie will eben die Bevölkerung aufrütteln, schlicht und ergreifend. Aber diejenige, die es betrifft, erreicht sie damit nicht, kujoniert nur die anderen. Wie der Lehrer, der angesichts einiger leerer Plätze in seiner Klasse über das Schwänzen schimpft und wie unzuverlässig doch diese Klasse sei. Vor denen, die da sind, vor den Zuverlässigen ... Und sie wird unglaubwürdig. Dabei sollte sie einfach nur die Wahrheit sagen, sagen, wo die Infektionen stattfinden, welches Verhalten Hotspots produziert und wie Hotspots gelöscht werden können. Sollte wie in Schweden auch die Zahlen der Corona-Kranken auf Intensivstationen und der Todesfälle grafisch darstellen lassen auf der Seite des RKI. Sollte den privaten Feierbereich in den Fokus nehmen.

03.10.20 Aus gegebenem Anlass kommt mir der Gedanke, dass wir doch gerade auch im Westen etwas wie den DDR-Lebensalltag erfahren mit der Corona-Situation. Diffuse allgemeine Bedrohung durch das Virus und Behördenkontrolle mit bisweilen willkürlich erscheinenden Auflagen. "Leben unterm Damoklesschwert" - ein Bild, das in diesem Jahr öfter auftauchte, bezogen auf Corona oder die Situation für Flüchtlinge.

07.10.20 "Berlin hat seine Freiheit verspielt", meint der Tagesspiegel in seinem "Checkpoint". Das "Infektionsgeschehen" nehme zu, vor allem wegen Feiern im privaten Kreis. Dafür werden die Bars wieder geschlossen. Und der Tagesspiegel findet das in Ordnung, wie beim Militär, wo es Liegestützen für alle gibt weil einer zu spät zur Übung kommt. Beim Alkoholkonsum anzusetzen, ist sicherlich richtig - aber das hätte schon früher geschehen müssen. Eine Gesellschaft, die kollektive Besäufnisse als Kulturpflege hegt (s. Oktoberfest), Tankstellen (sic!) Alkohol verkaufen lässt und Alkoholwerbung gestattet, kommt da in Erklärungsnot.

Aktuelle Corona-Grafiken einzustellen gebe ich auf. Die kann jeder/jede zu Deutschland beim RKI, zu Schweden bei "folkhalsomyndigheten.de" und weltweit bei der Johns Hopkins University einsehen. Wobei lediglich auf der schwedischen Seite auch die Zahl der Aufnahmen auf Intensivstation und die Todesfälle erfasst werden (warum bei uns nicht?) - und da spiegelt sich für Schweden bislang keine zweite Welle wider, auch nicht in Ansätzen. Bei den Infektionen allerdings schon - wobei inzwischen auch symptomfreie Fälle zunehmend erfasst werden durch breiteres Testen, die in der ersten Welle kaum erfasst wurden und daher die Kurve höchst interpretationsbedürftig machen.

20.10.20 Ich habe mir heute FFP2-Masken besorgt, die Situation in den Bahnen macht das notwendig.

29.10.20 Nun also, seit langem schon zu erwarten und angedroht, zweiter Lockdown in Deutschland. In Italien, das wesentlich stärker betroffen ist von der zweiten Welle, müssen die Gaststätten um 18 Uhr schließen. Bei uns ganz. Ebenso wie "Freizeiteinrichtungen" (die Theater z.B., die gerade wieder mit Spielen begonnen haben, und Sportvereine). Absurd, möchte man meinen. Immerhin ist doch bekannt, dass die meisten Infektionen aktuell bei privaten Feiern stattfinden und auf betrieblichen Meetings. Was sollen also diese Maßnahmen? Nun, sie sollen zumindest vermeiden, dass die privat und beruflich ausgetauschten Viren sich nicht auch noch "draußen" unkontrolliert verbreiten. Aber warum ist dieser Staat nicht in der Lage, zumindest stichprobenartig private Feiern und berufliche Meetings zu kontrollieren und gegebenenfalls aufzulösen statt auf Jahrzehnte hinaus das gesellschaftliche Leben, Alltagskultur, Vereinskultur, Veranstaltungskultur zu schädigen, teilweise zu ruinieren? Gerechtigkeitsdilemma? Rechtsprobleme? Die Abwägung ist sicherlich extrem schwierig und Kubicki macht es sich zu leicht damit, nun seinen Berufsstand zum Aufschlag zu bringen mit der Aufforderung, gegen die Einschränkungen zu klagen. Aber ich habe auch kein Verständnis für die pauschale Schließung von Gaststätten und Freizeiteinrichtungen. Was fehlt ist immer noch eine Alkoholpolitik. Das wagt niemand. Ich bin andererseits sehr froh, dass dieses Mal zumindest die Schulen und Kindergärten nicht betroffen sind - etwas wurde doch gelernt von Schweden! Apropos Schweden, der bayrische "Merkur" schreibt am 28.10. immerhin, die Einweisungen auf Intensivstationen seien in Schweden "relativ niedrig". So ungenau war der "Merkur" bei den Todesfällen der "ersten Welle" nicht, da wurde Schweden an den Pranger gestellt - obgleich die schwedischen Zahlen etwa bei denen von Holland und der Schweiz lagen, "relativ"!

Schaut man sich die Zahlen aus Schweden und Deutschland im Vergleich an, wird klar, warum die Bundesregierung extrem nervös wird. Der "deutsche Weg" verliert gerade erheblich an Glanz, auch im Vergleich mit Ländern wie Japan. Aber Vergleiche sind bei Covid 19 höchst problematisch, wurden und werden von der Bundesregierung und den deutschen Medien jedoch immer wieder zur Stützung eigener Positionen gerne bemüht. Daher hier (ich breche aus gegebenem Anlass meinen Vorsatz vom 7.10.) der Vergleich mit Schweden, Stand 29.10.2020 ("Sjukdom" - Infektion, "Intensivvardade" - Intensivstation, "Avlidna" - Todesfälle):

Corona-Zahlen
              Schweden 29.10.2020

Corona-Zahlen
              Deutschland 29.10.2020


Die Infektionszahlen sind in der Tat besorgniserregend, sie scheinen die Warnung der Kanzlerin von Ende September vor 19.200 Neuinfektionen täglich an Weihnachten zu bestätigen - allerdings muss berücksichtigt werden, dass nur der blaue Bereich Infektionen mit klaren Symptomen erfasst. Im gelben Bereich werden zunehmend auch symptomfreie Fälle gezählt, die bei der ersten Welle nur in sehr geringem Umfang erfasst wurden. Nicht klar ist mir, ob teilweise auch weiter zurückliegende Infektionen hier mit erfasst werden, und wie hoch der Anteil falscher Positivtests ist (von der Charité wird dieser Anteil für den eigenen PCR-Test mit 0,5% angegeben). Wirklich besorgniserregend für die Regierungsposition in Deutschland sind die direkten Todesfallvergleiche. Die Daten stammen von der Seite der JH University, links Schweden (Messraum bis 150), rechts Deutschland (Messraum bis 600):

Todesfälle Schweden 29.10.2020
Todesfälle deutschland 29.10.2020

Das heißt, wir sind gerade dabei, Schweden beim Anteil der täglichen Todesfälle mit Corona-Bezug zu überholen. Ein Freund von mir, Mediziner, meinte dazu: Die Alten sind in Schweden schon alle gestorben. So tief sitzt die polemische Medienwirklichkeit bei uns in den Köpfen, "die Schweden haben ihre Alten geopfert"! Schweden hat etwa 2 Millionen Bürger der Altersgruppe ab 65. Gestorben sind mit Corona-Bezug bisher etwa 6.000 Menschen. Der Freund könnte allerdings insofern Recht haben, als vermutlich ein höherer Anteil der durch einschlägige Vorerkrankungen Geschwächten und der Moribunden bereits verstorben war vor der zweiten Welle.

In Deutschland spiegelt sich die zweite Welle auch deutlich in der Aufnahme auf Intensivstation wider. Am 18.04 hatten wir zum Höhepunkt der ersten Welle 2933 Corona-Patienten auf Intensivstationen, am 29.10. sind es 1696. Die Daten finden sich auf der Website der DIVI, die seit April 2020 die Belegungssituation erfasst und darstellt. Wobei hier der Vergleich mit Schweden Fragen aufwirft. Schweden verzeichnet die täglichen Neuaufnahmen, das DIVI die Belegung. Rechnet man mit einer durchschnittlichen Verweildauer von Corona-Patienten auf Intensivstation mit 14 Tagen, so ergibt sich für Schweden aktuell eine Belegung von 51 Intensivbetten (Daten FHM), für Deutschland 1696 (Daten DIVI)! Damit läge Deutschland um den Faktor 4 über Schweden, bezogen auf die Bevölkerungszahl!

Und nun kommt der Winter, mit Belastungen für Bronchien, Lungen und Immunsystem durch andere Infektionen, durch feuchte Kühle und Feinstaub! Dass etwas unternommen werden musste, ist klar! Aber auf der einen Seite sind die Maßnahmen zu eng (Gaststätten umfassend schließen, Vereinssport für Kinder verbieten, Theater/Opern schließen, pauschales Beherbergungsverbot), auf der anderen fehlen sie (Rauch- und Alkoholverbot im öffentlichen Raum, Kontrolle im privaten Bereich und im Business-Bereich, Feinstaubpolitik, Maskengebot bei größeren Gruppen in geschlossenen Räumen). Vor allem fehlt eine klare Aufklärung darüber, wo und wie die Ausbreitung wieder Dynamik aufnahm. Und was soll die Beschränkung auf einen Monat besagen? Was wird vom Dezember erwartet? Das Impfstoffwunder? Positive Folgen des Wellenbrecher-Effekts? Auf den kann man hoffen. Auch wenn er sehr spekulativ ist.

Und warum gibt es keine öffentliche Kampagne zur Stärkung des Immunsystems, zum Rauch- und Alkoholverzicht, zu regelmäßigem Sport (Sporteinrichtungen werden gerade wieder geschlossen!) und ausreichend Schlaf etc. pp.? Stattdessen dominieren Knüppelmaßnahmen für alle, Kinderschelte, Angstmache, Warnungen, Sauberkeitserziehung. Und doch: Unser Gesundheitssystem bewährt sich. Und die Politik ist lernfähig. Die Schulen bleiben offen! Wie lange noch?

01.11.2020 Und wieder die Hinweise darauf, dass "zunehmen auch gesunde Jüngere" von schweren Verläufen betroffen seien. Das ist erstmal substantiell wenig aussagestark, es fehlen Angaben zum Begriff "gesund" (Raucher, übergewichtig, stressbelastet etc.??) sowie konkrete Angaben zum Anteil der Altersgruppen an den Intensivfällen (in Schweden ist das selbstverständlich, von Anbeginn). Vor allem aber: Wen erreichen solche Warnungen? Die betroffenen Partypeople eher nicht - dafür uns alle, unabhängig vom Alter ("wenn es schon die Jungen erwischen kann, was ist dann mit mir?"), Leute, die weiterhin zur Arbeit gehen, die den ÖPNV benutzen, die ihr Leben nicht ganz auf Eis legen wollen.

Haupttreiber der Pandemie sind, laut  einem Beitrag in "Science" vom 23.10.20 (Autoren: Elizabeth Lee, Nikolas Wada u.a.) , Haushalte, Superspreader (bekannt geworden sind u.a. Ereignisse auf/bei/in Hochzeiten, Chorproben, Parties, Gottesdiensten, Fleischindustrie, Ernteeinsätze ...) und Reisen.

Bei den Infektionszahlen scheint der Scheitel erreicht, kurz vor dem Lockdown, Ironie des Zufalls? Aber dazu etwas Verbindliches zu sagen ist noch zu früh. Eine Woche abwarten.

Toilettenpapier wird teilweise wieder rar - insbesondere das Recycling-Papier. Warum? Hamstern besonders ökologisch Aufmerksame? Oder liegts am Preis?

07.11.2020 Noch immer wird über Schweden - wie schon bei der ersten Welle - bestenfalls berichtet im Stile von "auch die Schweden verschärfen die Corona-Auflagen". Als seien sie endlich zur Vernunft gekommen, einsichtig geworden, unentwegt. Immerhin ist nun auch zu lesen, dass die Infektionszahlen nicht ganz so stark zunehmen wie in Deutschland. Dass indes Deutschland bei Sterblichkeit und Intensivbehandlung aktuell etwa um den Faktor 4 über Schweden liegt - dazu Schweigen, Schweigen.

09.11.2020 Corona-Bekämpfung im Praxistest, aus meinem unmittelbaren Umfeld: In einer Klasse von S. wurde eine Schülerin positiv getestet. S. hat diese Schülerin vor 6 Tagen zum letzten Mal gesehen, soll nun aber für 14 Tage in Quarantäne (macht 20 Tage nach "Ereignis"). Sie hat heute (Montag) auch einen Corona-Test gemacht, das Ergebnis gibt es am Mittwoch.

Und nun werden Nerzfarmen zu den Produzenten einer neuen Covid-19-Variante, die auf Menschen überspringen kann - zunächst im Juni in Einzelfällen auf niederländischen Farmen, dann vermehrt in Dänemark.

Die Infektionskurve in Deutschland flacht tatsächlich seit Anfang November ab - was kein Effekt des zweiten Lockdown sein kann. Nur ein Zwischenhalt?

22.11.2020 Corona stellt hochentwickelte Gesellschaften und teilweise die Weltgemeinschaft insgesamt vor ähnliche grundlegende Probleme wie andere Zeitphänomene, Überalterung der Gesellschaft, Pflegenotstand, Bevölkerungswachstum, Anspruchswachstum, Klimaerwärmung, Biodiversitätsschwund. Im Kern ist allen gemeinsam ein grundlegendes Thema in zwei Perspektiven. Anthropologisch: Wie ist das Verhältnis von Individuum und Kollektiv langfristig auszuhandeln (ist es z.B. vertretbar, 80 Millionen Menschen in Teilquarantäne zu schicken um einzelne Leben zu schützen? - politisch haben diese Frage Boris Palmer und Wolfgang Schäuble im Blick auf Covid19 schon gestellt). Theodor W. Adorno hat in seinen Vorlesungen von 1963 über "Probleme der Moralphilosophie" angezeigt, dass "durch die Nivellierung der Problematik von Moral auf Ethik (...) das entscheidende Problem der Moralphilosophie, nämlich das Verhältnis des einzelnen Individuums zu dem Allgemeinen, eskamotiert" werde (Ffm 1996, S. 23). In den Reaktionen auf Palmer und Schäuble haben wir ein weiteres Beispiel dafür. Und wie ist das Verhältnis von Menschheit und sonstigen Bewohnern dieses Planeten auszuhandeln (darf der Planet geplündert werden und seine sonstigen Bewohner ausgerottet um möglichst vielen Menschen das Überleben zu sichern?). Fragen, mit denen wir offenkundig überfordert sind, da sie Wertentscheidungen voraussetzen, über die es keinen Konsens gibt, bzw. da tradierte Konsense zunehmend bröckeln.

Ernstzunehmende Ansätze zu einer Debatte hierzu mit Blick auf Corona finden sich z.B. in einem Gespräch des Autors Hannes Koch mit der Ethikrätin Sigrid Graumann in der taz vom 15.11.2020.

Verlagerungen der gesellschaftlichen Wertsetzungen vom Indididuum zum Kollektiv finden wir zeitgenössisch in ganz unterschiedlichen Bereichen, mit vielversprechenden, aber teilweise auch beängstigenden Ansätzen. Religiös begründet etwa in neuen Fundamentalismen, am augenfälligsten im islamistischen Fundamentalismus, völkisch begründet in rechten Strömungen. Politisch meldete die Piratenpartei klare Ansprüche des Kollektivs auf Wissensbestände und Informationsfreiheit an. Die Ökologie- und Tierschutzbewegung hatte schon zuvor Kollektivinteressen über menschliche Kollektive hinaus begründet. Aktuell gibt es im Kunst- und Kulturbereich ganz bemerkenswerte Bemühungen zur Neubewertung des Kollektivs, etwa das "lumbung"-Konzept für die Documenta Kassel 2020.

24.11.2020 Die Pappkrone der Pöbelei gegen den "Schwedischen Sonderweg" setzt sich heute die Südwestpresse Ulm auf. Wieder einmal dürfen wir die - wieder nur rhetorisch gemeinte - Frage lesen "Ist der schwedische Sonderweg gescheitert?" Der Beitrag antwortet lauthals mit "Ja", Schweden würde nun von seinem bisherigen Kurs abrücken. Und dabei wird in den Ausführungen doch faktisch gezeigt, dass Schweden weiterhin bei einem liberalen, evidenzbasierten Kurs bleibt, auch wenn es zu einigen weiteren Einschränkungen kommt (und Einschränkungen hat es auch bisher schon gegeben, auch wenn die swp mit dem Begriff "Kehrtwende" suggerieren möchte, Schweden schränke nun zum ersten Mal ein), die jedoch weit entfernt sind vom deutschen Lockdown. Kurioserweise werden die Grafiken des "Folkhälsomyndigheten" gezeigt, die belegen, dass Schweden bei den Aufnahmen auf Intensivstation und der Zahl der Todesfälle in der zweiten Welle weit besser dasteht als bei der ersten Welle - und auch als Deutschland. Die Zahl der Neuinfektionen ist allerdings in der Tat bedenklich, auch wenn die schweren Auswirkungen wesentlich niedriger liegen als bei der ersten Welle. "115 Menschen starben am Mittwoch und Donnerstag vergangener Woche an Corona", schreibt die Südwestpresse. Eine erstaunliche Angabe, warum werden zwei Tage genannt? Soll das heißen, am Mittwoch 115 und am Donnerstag 115 - oder zusammen 115? Beides wäre falsch. Am 18.11. starben - nach aktuellen Angaben, Nachmeldungen sind wahrscheinlich - in Schweden an Corona 20, am 19.11. starben 14 Personen. Und so geht es fort in einem auch in sich widersprüchlichen Beitrag. Was ist das, was sich die swp da leistet? Schlamperei, parteiliche Falschdarstellung?

Hinter den 115 Toten der swp stecken vermutlich Meldungen, die auf (zufällig gewählten?) Zahlen der Johns-Hopkins-University basieren. Deren Dashboard fasst oft mehrere Tage zusammen. Danach hätte man aber auch verkünden können "Schwedischer Sonderweg höchst erfolgreich, keine Corona-Toten am 14., 15. und 16. November" (nb: Wochenende plus Montag)!

25.11.2020 In einem Edeka-Supermarkt sitzt am Eingang ein junger Mann und besprüht allen Kunden beim Betreten die Hände mit Desinfektionsmittel - obligatorisch! Viele strecken schon die Hände von weitem hin, bedanken sich, einige werfen beim Rausgehen Münzen in seinen Teller. Mich berührt das unangenehm. Diese Mischung von Sauberkeitswahn (es gibt keinen Hinweis darauf, dass Corona durch Schmierinfektionen übertragen wird), Anpassungsdruck und Ansteckungsangst ist in meinen Augen sehr missbrauchsgefährdet. Und auf der anderen Seite tönt Merz, es gehe den Staat nichts an, wie ich Weihnachten mit meiner Familie feiere - auch wenn ich das mit 20 Leuten auf engem Raum und mit Küsschen ohne Maske mache? "My home is my castle" - und draußen wird das gesellschaftliche Leben stillgestellt, gehen Abertausende von Existenzen zu Bruch um die Infektionen im "Castle" zu kompensieren? Politik unter Pandemie-Bedingungen, wir stochern im Nebel.

06.12.2020 Zum ersten Mal mit Genuss eine Opernaufzeichnung angeschaut, Turandot, The Royal Opera London 2017, mit Roberto Alagna, Aleksandra Kurzak und Lise Lindstrom. Das vermisse ich in der Corona-Zeit für mich persönlich am meisten: Opern-/Theaterbesuche, mehrtägige Wanderungen und das Meer. Es gab gewiss auch vor Corona Jahre, in denen ich ein oder zwei dieser Erfahrungen nicht hatte - aber alle drei per Dekret nicht haben zu können, ist nicht gut. Die Gewohnheiten verändern sich, das hat auch positive Effekte, bringt Lernprozesse in Gang. Aber ich fürchte nun vor allem eines: einen nicht nur individuellen, sondern auch gesellschaftlichen Burnout, Corona-Burnout, der nach dieser Zeit kommen könnte. Ob der Frühling alles richten wird? Es wird sicherlich ein ganz ungewöhnlicher Frühling für uns alle!Gedränge Bahn Weingarten-Karlsruhe, 13:00 Uhr

09.12.2020 Die Bundeskanzlerin hält in einer Rede den Corona-Skeptikern die Wissenschaft entgegen. Aber welche Wissenschaft meint sie denn? Es gibt keine Evidenz, dass die Schließung der Schulen und Kindergärten einen signifikanten Einfluss auf das Infektionsgeschehen habe. Schweden hatte auch bei der ersten Welle alle Schulen und Kindergärten offen gehalten. Und es gibt keinen wissenschaftlich abgesicherten Befund, weder aus Schweden noch von woanders her, der auf ein damit verbundenes Risiko verweist, das die Risiken der Schulenschließung auch nur annähernd rechtfertigt. Die Corona-Risiken stecken woanders. Klar ist, ab 15 sind die Infektionszahlen hoch. Aber 1.: außer Drosten glaubt wohl niemand sonst, dass die ab 15jährigen nur in der Schule die Köpfe zusammen stecken und 2: das böse und leichtsinnige Schweden hat schon von Beginn an die älteren Jahrgänge weitgehend auf online-Lernen umgestellt. In Deutschland, der schulisch-medialen Bananenrepublik, wären damit die Lehrer hoffnungslos überfordert. Das Kurssystem in den Oberstufen mag noch zur weiteren Virusrotation beitragen. Auf dass D. feststellen kann, die Schulen seien Infektionstreiber. Und getriebene Politiker (wovon eigentlich getrieben?) schließen die Schulen. Alle. Differenzierung war noch nie eine Stärke deutscher Politik, das setzt gleich dem Opportunismus- oder Ungerechtigkeits-Verdacht aus.

Heute fuhr ich um die Mittagszeit in einer Bahn in die Stadt. Die Bahn war voll mit Menschen. Hinter mir ein junger Mann ohne Maske, neben mir ein Paar mit Kind, das sich angeregt in hohem Lautstärkepegel unterhielt in einer mir nicht bekannten Sprache, mit Stoffmasken, das Kind hustete, trug keine Maske. Vor mir eine ältere Frau, deren sich hektisch blähender und wieder einfallender Mundschutz befürchten ließ, dass sie hyperventiliere und gleich in Panik gerate. Business as usual. Kein Geld für Extrazüge oder Extrawagons für die Bahnen zu Stoßzeiten? Für die Verteilung von FFP2-Masken an Bahnhöfen? Dafür werden Unsummen ausgegeben zur Kompensation wenig sinnvoller Maßnahmen wie die pauschale Schließung von Gaststätten. Die "wissenschaftlichen" Aussagen der vergangenen Tage zur Bekämpfung der Infektionsanstiege folgen der simplen Gleichung: Weniger Kontakte = weniger Infektionen. Zur Corona-Bekämpfung äußern sich jetzt gar Physiker mit Modellen zum Brechen von Wellen. Gehts noch? Eine Pandemie ist ein medizinisches, infektiologisches, epidemiologisches, soziales und politisches Problem. Aber gewiss kein primär physikalisches. Aber von soziologischen Untersuchungen zur Corona-Ausbreitung ist nichts zu hören. Belastbare Ergebnisse benötigen gewiss Sorgfalt und Zeit. Zeit haben wir nicht so viel, bzw. sie wurde vertan, also begnügen wir uns mit dem "wissenschaftlichen" Befund, dass weniger Kontakte weniger Infektionen bedeuten. Wenn es aber nicht die "richtigen" Kontakte sind? Welches die sind, weiß keiner, will keiner wissen, will keiner publizieren. Es könnte spalten, diffamieren. Die Antwort ist Stillstand. Stillgestanden. Im wissenschaftlichen Niveau des historischen Materialismus, der in der DDR auch schon so allerhand bewiesen hat auf der Basis dessen, was man beweisen wollte. Prinzip Hoffnung anstelle von Analyse und offenem Diskurs. Physik statt soziologisch belehrter Epidemiologie. Am deutlichsten wurde dies bislang von Gerd Antes kritisiert, Medizinstatistiker und ehemaliger Direktor des deutschen Cochrane-Zentrums in Freiburg.

11.12.2020 Nun wird erwogen, am Wochenende zu entscheiden, ob Montag die Schulen schließen! Welches Modell gesellschaftlicher Prozesse wird hier exekutiert? Schalter an, Schalter aus und schauen, obs Licht dann an- oder ausgeht?? Das mutet an wie die Einübung in blinden Gehorsam - der historisch schon öfter im Gefolge von Hilflosigkeit und der panischen Angst vor Kontrollverlust daherkam. Und noch immer werden medial verstärkt die Wortmeldungen eines Infektologen, der zu Beginn der Pandemie Masken für unsinnig erklärte. Und er äußert sich mal so, mal so. Mit irgendwas wird er schon Recht behalten.

Meine Nachhilfeschülerin berichtet mir, eine Klassenkameradin habe gesagt, wenn sie nicht mehr zur Schule gehen, könnten sie 600 Menschen am Tag das Leben retten. Das Helden-Pathos des Bundespräsidenten erreicht immerhin Elfjährige. Auch wenn meine Nachhilfeschülerin Zweifel am Bericht der Klassenkameradin anmeldet und die Schulschließung für schlecht hält, "wir passen viel besser auf als die Jugendlichen!". Womit sie den Kern des Problems trifft. Die Bundeskanzlerin installiert ergänzend den Politikstil der SED. Wahrheit ist, was passt, Helden sind die, die sich anpassen. Der sanfte Lockdown habe nicht ausreichend gewirkt, also eine Schraube anziehen, Physik. Hat der sanfte Lockdown überhaupt etwas bewirkt? Die Abflachung der Infektionskurve zeigt sich Anfang November schon ohne Rückführbarkeit auf den Lockdown. Zeigt sich auch in Schweden. Was, wenn der Infektionsanstieg im Oktober und das Andauern auf hohem Niveau nicht nur von aktuellen Infektionen, sondern auch von "schlummernden" Infektionen/Viren bedingt ist? Herpes kommt/bricht aus mit der Sonne, Covid-19 mit Mangel an Sonnenlicht? Vitaminmangel? Bewegungsmangel? Eine sicherlich laienhafte, ungeschützte Überlegung, aber angesichts der regierungsamtlichen Fehlleistungen und der allgemeinen Hilflosigkeit erlaube ich mir diese Spekulation, deren Konsequenzen niemandem schaden können. Die Kanzlerin hat ja auch schon Kniebeugen empfohlen - allerdings gegen die Lüftungskälte in Klassenzimmern, nicht zur Stärkung des Immunsystems. Und wer fragt nach den extremen Belastungen für das gesellschaftliche Immunsystem? Ohne einem naturalistischem Fehlschluss Vorschub leisten zu wollen: Was vermag diese Gesellschaft noch ohne zunehmende Dysfunktionen und Ausfälle zu ertragen, deren Gesundheitssystem, deren Pflegesystem, deren Schulsystem und deren Verkehrssystem schon vor Covid19 überanstrengt waren?

13.12.2020 Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Teil 1 Kapitel 2: "Vielleicht ist es gerade der Spießbürger, der den Beginn eines ungeheuren neuen, kollektiven, ameisenhaften Heldentums vorausahnt?" Haben wir das erreicht, wenn jeder zum Helden wird, der nun zuhause bleibt? Wir erleben eine Epochenschwelle, und was mir Angst macht, ist nicht Corona, sondern die Preisgabe von Differenzierung, auch in der Wissenschaft, etwa in der höchst problematischen jüngsten Studie des KIT zu einer Korrelation von Schulenschließungen und Infektionsrückgang. In der Politik schwindet Differenzierung ohnedies. Nun werden die Schulen wieder pauschal dicht gemacht, es wird nicht unterschieden zwischen den Kindern und den infektionstreibenden Jugendlichen (infektionstreibend sofern die aktuell verbreiteten Studien in den Schlußfolgerungen stimmen).

17.12.2020 Am Abend mache ich nach 20 Uhr einen Wald- und Wiesenspaziergang. Ich freue mich auf die Ruhe ohne Autoverkehr. Aber ich habe mich geirrt. Der Lärm von der Autobahn dröhnt herüber wie immer. Nur auf den Bundesstraßen und den kleineren Straßen ist es ruhiger als sonst.

Der Schwedische König erklärte heute im Fernsehen zur Corona-Politik seines Landes: "Wir sind gescheitert." Vom Bundespräsidenten habe ich das noch nicht gehört, obwohl Schweden in der zweiten Welle besser dasteht als Deutschland - mit erheblich weniger Einschränkungen.

18.12.2020 Wegen eines Todesfalles wollte ich in einem Schreibwarenladen mit Poststelle eine Beileidskarte kaufen. Der Bereich war abgesperrt, es dürften nur Postleistungen erbracht werden wegen der Corona-Einschränkungen (60%-Regel). Ich habe die Karte dann im Schreibwarenbereich eines Lebensmittelgeschäftes gekauft.

In manchen Hinsichten erleben wir nun den Alltag in der DDR, dürftige Infrastruktur, (durch Schließungen verfügte) Mangelwirtschaft, Improvisieren als Alltagskompetenz, Rückzug ins Private, kollektive Verhaltenssteuerung. Das bedrohende Virus hieß damals "Kapitalismus". Welchen Einfluß wird dies auf Mentalitäten haben?

20.12.2020 Gegen die "Schlummer-"These spricht das Auftreten einer Virusmutation in Großbritannien, die etwa 60% der Neuinfektionen ausmache!

23.12.2020 Europa hat zu Beginn der Corona-Situation die Abhängigkeit von China bei Masken und Schutzkleidung beklagt. Das wolle man zügig ändern. Gelobt wurden dann Autofirmen, die kurzfristig Masken produziert haben. Die Masken, die nun, 8 Monate später, umsonst verteilt werden, stammen weiterhin aus China!

30.12.2020 Schlange stehen vor dem Lebensmittelmarkt. Ein weiterer Todesfall in meinem Umfeld. Dieses Jahr häuften sich die Todesfälle, auch ganz nahe. Vor allem November/Dezember. Und wenn ich mich umhöre, war das auch bei anderen so. Eine (dann selbstverständlich geringere) Übersterblichkeit wäre in diesem Jahr vermutlich auch ohne Corona eingetreten. Die Ursachen waren Alter, Krebs, Freitod - nur selten, dann assoziiert mit hohem Alter, Corona. Noch immer habe ich keine Antwort gefunden auf die Frage, warum bei uns die Zahl der Patienten mit Corona auf Intensivstation so viel höher in Relation (Faktor 3) ist als in Schweden - bei höheren Infiziertenzahlen in Relation in Schweden (Faktor 2).

31.12.2020 Der Versuchung ist zu widerstehen, sich angesichts der Pandemie einer vermeintlich unentrinnbar zugreifenden Naturgeschichte einzuschreiben. Wird aufgeklärte Vernunft aber nur einseitig dem Impfkarussell (neuer Erreger, neuer Impfstoff, neue Impfung ....) zugestanden, verlieren wir, was Aufklärung ausmacht: das ganze Leben zu verändern, nicht nur partikulare Freiheits-, Überlebens-, Konsum- und Gestaltungsmöglichkeiten zu erschließen. Auf den "archaischen Torso Apollos" haben nur wenige gehört ("du musst dein Leben ändern") - wird es mit Covid-19 anders sein?

>>> CORONA-TAGEBUCH 2021